Dies ist die normale Version des Kapitels. Zur unzensierten Fassung geht es hier.

 

 

 

- Kapitel 8 -

Ein verrückter Tag

   Es war ein schöner Traum gewesen. Zwar zweifelte er etwas an der Korrektheit seines Gehirns, doch es war ein glücklicher Traum gewesen. Deshalb war er umso trauriger, dass ihn wieder einmal sein Instinkt geweckt hatte. Er wusste, dass er beobachtet wurde, und zwar von mehreren Personen. Auch, wenn sie so still waren, dass man eine Nadel hätte fallen hören können. Er tat weiterhin so als würde er schlafen, da er zu eruieren versuchte, wer ihn belagerte. Es waren zu viele. Das konnte unmöglich sein. Er ahnte es. Wie konnten sie es wissen? Natürlich. Mehr als die Hälfte von ihnen war der Telepathie mächtig. Es half nichts. Er musste sich ihnen stellen. Also öffnete er die Augen. Kaum hatten sie es bemerkt, war er mit einem Schlag endgültig munter.

 

   „Alles Gute!“, trällerte die gesamte Schar im Chor.

   „Ihr seid wahnsinnig.“, lachte Link und schüttelte sich Taya’s bunte Papierschnipsel vom Kopf. „Ihr seid einfach nur wahnsinnig.“

 

   Er traute seinen Augen nicht. Das war der Grund gewesen, warum Zelda unbedingt darauf bestanden hatte, Anidja in der Küche zu helfen. Eine große, grün glasierte Torte mir bunten Streuseln und einer Sahnekrone um den Rand, in der sechzehn dünne Kerzen steckten, thronte auf den Händen der beiden. Alle anderen hielten Geschenke. Nie hatte jemand an seinen Geburtstag gedacht. Er selbst hatte auch nicht viel davon gehalten. Doch nun, da er sie alle so sah, freudestrahlend um sein Bett versammelt, kämpfte er mit Tränen.

 

   „Mach schnell, bevor sie herunterbrennen.“, drängte Zelda.

   „Ach gib’s zu. Sie ist euch nur zu schwer.“

   „Ganz sicher.“, lachte Anidja.

   „Und ich bitte euch.“, grinste Kafei, die Augen wieder tiefschwarz geschminkt. „Es ist sein Wunsch. Der bleibt in seinem Kopf, ja?“, ein gelangweiltes Bejahen ging durch die Runde. „Schön. Und sag jetzt ja nicht, du wärst wunschlos glücklich. Ach ja – wünsch dir nichts, was du ohnehin schon geschenkt bekommst. Das wäre äußerst unfair dir selbst gegenüber.“

   „Ha, ha.“

 

   Was sollte er sich wünschen? Im Moment konnte er nur an eines denken. Es war dieser Traum, der noch immer in seinem Hinterkopf hing. Auch wenn es absurd war und er absolut keine Ahnung hatte, was er davon halten sollte – wenn er so darüber nachdachte, hatte er durchaus nichts dagegen, wenn dieser Traum Realität werden würde.

 

   „Es tropft.“, sang Zelda.

   „Dräng mich nicht so. Wenn du diesen Wunsch im Kopf hättest, würdest du es dir auch gut überlegen.“

   „Hört, hört. Was mag das wohl sein?“, gluckste Esra.

 

   In diesem Moment fasste Link den Entschluss, es zu riskieren. Ganz fest an den Traum zurückdenkend, holte er Luft und blies die Kerzen in einem Zug aus. Der Jubel war groß und Zelda’s Erleichterung sichtbar.

 

   „So. Das hätten wir. Bitte nicht drängeln. Es ist genug Link für alle da.“, sagte sie, doch Taya streckte ihm bereits ihr Geschenk entgegen.

 

   Wie alle anderen auch, war es in buntes Papier eingewickelt. Link befreite das weiche Ding und fand eine kleine, offensichtlich selbstgemachte Stoffpuppe, die Tingle extrem ähnelte, sowie ein Nadelset. In einer Mischung aus Entrüstung und Amüsement kam ihr Name von jeder Seite.

 

   „Danke.“, lachte Link. „Du sprichst mir von der Seele.“

 

   Von ihrem Bruder bekam er ein sehr leichtes Päckchen. Es war so leicht, dass es abhob, sobald er es losließ. Kaum hatte er das Papier entfernt, offenbarte sich ein kleiner, roter Ballon mit einer Schnur daran. An der Schnur hing, wenn auch recht unnötig, da schon alle wusste, was der Ballon bedeutete, ein Zettel mit der Aufschrift `Tingle-Erweiterung´. Sogleich band er die Puppe an den Ballon. Der kleine Tingle blieb nun in etwa der Hälfte der Raumhöhe schweben und tänzelte auf und ab.

   Anju’s Geschenk war zusätzlich in einer kleinen, rechteckigen, stark verzierten, mit rotem Samt ausgelegten Metallbüchse. Es waren nur zwei in etwa drei Finger breite Steine. Der eine war leicht bräunlich und der andere grau. Der graue Stein hatte eine abgenützte Seite, der andere war rundherum kantig. Dieser war ein einst abgebröckeltes Stück vom Mond, der andere ein Teil eines Ziegels vom Uhrturm – ein seltsames aber bedeutungsreiches Souvenir.

   Dotour schenkte ihm ein Medaillon mit dem Zeichen der Shiekah, auf dass es ihn immer begleitete.

   Von Triri bekam er ein altes, dickes Buch. Es war eine Sammlung aller Sagen aus Termina. Esra’s und Kafei’s Geschenke waren auch eher banaler Natur, doch Link wusste sie sehr zu schätzen. Das Geschenk von Esra war eine kleine, äußerst kompliziert eingepackte, goldene Karte mit einer Aufschrift:

 

 

Egal wann, egal warum, so voll kann Unruhstadt gar nicht sein, dass es kein Bett für dich gibt.

Dies ist eine Freikarte für eine tausendprozentig gesicherte, komfortable Unterkunft mit Verpflegung.

 

Eigentümer: Link, der Herr über die Zeit

Status: Nicht übertragbar

Gültig bis: ans Ende der Zeit

Unterzeichnet: Esra Malina Rosa-Maranóshu, alias Madame Aroma

 

 

   Kafei’s Geschenk war das schwerste und größte. Als Link es ausgepackt hatte, stellte es sich als eine kugelrunde Flasche mit dünnem, kristallverkorktem Hals heraus. Der Inhalt war milchig weiß und schillerte leicht gelblich.

 

   „Ich hab es äußerst interessant gefunden, dass das Thema gestern Abend noch einmal aufgekommen ist. Ich hatte zuerst keine Ahnung, was ich dir schenken soll. Aber als im Laufe des Vormittags immer mehr Andeutungen rausgekommen sind, wusste ich, was ich zu tun hatte. Das ist mein Geheimnis. Geh sparsam damit um. Pro Wäsche reicht ein kleiner Löffel voll. Es schäumt genug. Alle vier Tage waschen reicht aus.“

   „Danke.“, strahlte Link und umarmte ihn, wie alle anderen zuvor, nur etwas länger und fester. „Damit rettest du mein Ego.“

   „Hab ich gern gemacht.“

   „Du hast auch kein einziges bisschen von dem vergessen, was damals passiert ist?“

   „Wie könnte ich diesen Tag je vergessen?“

   „Natürlich nicht. Es war dein Hochzeitstag.“

   „Dank dir. Frühstück?“

   „Oh ja.“, seufzte Zelda. „Langsam wird sie wirklich schwer.“

 

 

 

~o~0~O~0~o~

 

 

   Link konnte sich nicht erinnern, je so vollgegessen gewesen zu sein. Auch hatte er die letzte Art Mehlspeise bei Kafei’s und Anju’s Hochzeit genießen dürfen. Er kam sich so richtig dick und schwer vor. Am Morgen würde er nie wieder so viel essen, das stand fest. Aber da die Torte nun der Geschichte angehörte, würde es wohl nicht mehr so schnell erneut vorkommen.

   Zuerst hatten sie geplant, das Rathaus heute geschlossen zu halten. Da Kafei und Anju durch einen Notfall zu einer Komiteebesprechung mussten und der Rest auch zu tun hatte, blieben Link und Zelda alleine übrig. Die Prinzessin wollte unbedingt das Umland der Stadt sehen. Also verließen sie die Stadt, riefen ihre Pferde herbei und ritten eine Runde herum. Dann führte Link sie zur Romani Ranch. Vom Weiten sah er ein Mädchen mit fuchsroten Haaren, das ebenfalls ritt. Waren sie letzte Nacht wieder gekommen? Er wollte es gar nicht wissen. Früh genug würde er wieder mit Romani konfrontiert werden. Er machte kehrt und ritt mit Zelda in die Sümpfe.

 

   „Hast du was dagegen, nass zu werden?“

   „In den Sumpf muss ich nicht unbedingt.“

   „Du hast Recht. Es gäbe ohnehin nicht viel zu sehen, da im Moment alle Dekus in Unruh sind. Ans Meer?“

   „In Ordnung.“

 

   Auch dort waren sie alleine. Nur einige Möwen zogen kreischend ihre Runden über der Küste. Dennoch war der Anblick dank des schönen Wetters herrlich. Die sanfte Brise, das Rauschen der Wellen, Link dachte zurück, wie es damals gewesen war. Sie ritten ein Stück ins Wasser hinein. Was davon heraufspritzte, war noch recht kalt. Damit erklärte sich Link die Einsamkeit des Strandes. Auch war es erst zehn Uhr morgens. Er gewährte ihr noch einen entfernten Blick auf die Zorahöhle und ritt weiter in Richtung Berge.

   Auf ihrem Weg nach oben kamen sie an einem gigantischen schwarzen Fleck vorbei, in dessen Zentrum sich eine tiefe Mulde befand. Es sah aus, als wäre dort etwas explodiert. Da der Pass zum Tempel für Pferde unpassierbar war, machten sie einen kleinen Abstecher ins Goronendorf. Wie zu erwarten, war es wie ausgestorben. Doch Zelda ließ es sich nicht nehmen, an die Klippe zum Schrein zu reiten.

 

   „Dort kommt man nur mit dem Auge der Wahrheit hinüber.“

   „Denkst du?“, grinste sie.

   „Wie – sag mir nicht, du kannst die Plattformen sehen?“

   „Ich spüre die Anwesenheit verborgener Dinge. Wenn ich meine Augen schließen und mich auf sie konzentrieren würde, könnte ich den Abgrund blind überqueren, ohne schweben zu müssen.“

   „Ist das dein Ernst?“

   „Ja. Komm. Ich möchte wissen, wie es in Ikana aussieht.“

 

   Als sie jedoch an der Felswand ankamen, saß niemand an ihrem Rand. Auch bei näherem Herankommen tauchte niemand auf. Der tote Baum war nicht da.

 

   „Na toll. Der Baum ist weg. So können wir nicht einmal mit meinem Enterhaken hinauf. Ich weiß ja nicht, ob du auch so gut klettern kannst wie Kafei, aber ich komm da nicht rauf.“, Zelda verengte nur schweigend die Augen. „Was ist? Ist hier doch jemand?“

   „Ja. Es sieht aus, als gäbe es in Ikana wirklich wieder Shiekah. Ich spüre einen Hauch von Vertrautheit von oben herabströmen. Auch werden wir zusätzlich beobachtet.“

 

   Sie hatte richtig gelegen. Plötzlich stand eine Gestalt an der Klippe und blickte zu ihnen herab. Unter seinem Umhang trug er ein Gewand, das Link bekannt vorkam. Es war die Kleidung der Elementkrieger, so eine, wie sie Zelda getragen hatte. Unter seiner Kapuze wehten schwarze Haarstränen hervor.

 

   „Es ist selten, dass Fremde es in unser Tal wagen, selbst dieser Tage, wo wir es wieder unser Tal nennen können.“

   „Wir sind keine Fremden. Beide haben wir lange Zeit hier verbracht, ich selbst einst ganze sieben Jahre.“

   „Das war vielleicht zu einer Zeit, als der Tod hier herrschte. Doch dies ist die Zeit der Lebenden. Was wollt ihr also hier?“

   „Wissen, was die so Lebenden treiben.“, meinte Link.

   „Tz. Das ist unsere Sache. Ihr habt hier nichts verloren, Hylianer. Ikana ist unser Reich.“

  Es ist auch mein Reich. Wir haben die selben Vorväter.“, Link verstand kein Wort, doch sah er, wie ihre Augen sich von blau zu rot umfärbten. „Ich bin Prinzessin Zelda von Hyrule und das ist Link, der Held der Zeit. Ohne uns hätten die Toten hier noch immer die Herrschaft.“

   „Verzeiht mir. Ich war blind. Zwar spürte ich Eure Aura, doch glaubte ich an eine Täuschung.“

 

   Nun geschah etwas, das Link in dieser Form noch nicht gesehen hatte, schon gar nicht hier. Kleine Steine begannen sich aus der Felswand zu lösen. In- und umeinander fliegend formten sie sich allmählich zu einem gewundenen Pfad nach oben, der vor der Wand schwebte. Den Shiekah genau beobachtend, sah Link, dass er es war, der ihnen den Weg beschwor. Jetzt war Link klar, was Kafei und Dotour gemeint hatten.

 

   „Euer weiterer Weg ist Euch ebenfalls geebnet.“, sagte der Mann und war sogleich spurlos verschwunden.

 

   Oben angekommen, sahen sie, wie sich die Steine wieder in die Wand einfügten, als wäre nichts gewesen. Zum ersten Mal stand er an dieser Stelle mit Epona an seiner Seite. Doch jemand anderes an seiner Seite tat etwas völlig Unerwartetes. Langsam trat sie näher an ihn heran und legte ihre rechte Hand auf seine linke Wange.

 

   „Ich weiß nicht, wie überraschend das für dich jetzt ist, aber vergib mir. Viel zu lange habe ich das aufgeschoben. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit bis zum Mittagessen und ich fürchte, ich muss es jetzt hinter mich bringen.“

   „Was meinst du?“

   „Du hast wirklich keine Ahnung, oder?“

   „N-nicht direkt – was – “

 

   Das nächste was er spürte, war ihr Atem auf seinem Gesicht. Dann, ohne dass er es wirklich wollte, schlossen sich seine Augen zaghaft, als sich ihre Lippen trafen. Zuerst ließ er es einfach nur über sich ergehen, doch nach einer Weile stieg er ein. Ganz langsam wanderte ihre beiden Hände in seinen Nacken und zogen ihn fest an sie. Auch seine Arme legten sich zögerlich um ihren Oberkörper. Ja, es war sehr unerwartet gewesen. Aber nun, da es war, konnte er nicht leugnen, dass es sich auf irgendeine Art gut anfühlte.

 

 

~o~0~O~0~o~

 

 

   Sie hatten schon einen ordentlichen Zahn zulegen müssen. Ikana war wirklich außerordentlich belebt gewesen. Auch grüner als angenommen. Doch Zelda’s kleine Aktion hatte einiges an Zeit verstreichen lassen. Als sie an die Stelle zurückkamen, stand der Wächter wieder dort und erschuf ihnen erneut den Weg. So schnell es ging ritten sie nach unten und in wildem Galopp über die Zäune.

   Der Halt vor dem Osteingang war ziemlich abrupt. Beinahe hätte Epona gescheut. Frila, Zelda’s Pferd, machte keine Anzeichen eines viel zu schnellen Halts. So schnell sie konnten, stürmten sie in den Gasthof – auf dem Platz wimmelte es vor Goronen und anderen Leuten, die offenbar sehr damit beschäftigt waren, an irgendwelchen bunten Gegenständen zu arbeiten. Um die Masse waren Wachen postiert. Sich um sie zu kümmern hatten Link und Zelda aber momentan keine Zeit. Erst vor der Tür des Speisezimmers verlangsamten sie ihre Schritte rechtzeitig, um nicht dagegen zu prallen.

 

   „Ich dachte schon, ihr hättet euch verirrt?“, lachte Kafei. „Wo bei allen Geistern wart ihr?“

   „Überall.“, keuchte Zelda.

   „Nicht direkt, aber – wir haben – in Ikana – die Zeit – übersehen.“, schnaufte Link und ließ sich schwerfällig neben ihn sinken. „Verdammt! Das gibt’s doch nicht! Normalerweise mach ich nie so schnell schlapp.“, Zelda lachte darüber nur schleifend und setzte sich auf ihren Stuhl.

   „Zu deiner Frage, ich hab ihr Termina gezeigt. Zumindest grob. Und was hast du gemacht? Was war das für eine Besprechung?“

   „Ein Problem mit den Feuerwerkskörpern. Der Wagen ist beim Transport gekippt und eine Rakete hat sich entzündet. Es sind alle in die Luft geflogen. Einfach alle.“

   „Oh – daher der Fleck. Und was jetzt?“

   „Wir haben alle im Land zusammengetrommelt, die auch nur ansatzweise mit explosiven Stoffen hantieren dürfen.“

   „Die Ansammlung auf dem Platz?“

   „Ja. Ich wollte nicht, dass wieder ein Transportunfall passiert.“

 

   Der Rest des Mittagessens verlief schnell und einigermaßen gesprächlos. Als Zelda und Anidja wieder einmal den Tisch abräumten, sprach Kafei Link an.

 

   „Der Vormittag hat mir einiges an Nerven gekostet. Was hältst du von einem gemächlichen Geburtstagsspaziergang?“

   „Ich hätte nichts dagegen.“, seufzte Link. „Ich muss ohnehin noch – du weißt schon.“

   „Ach ja.“

   „Denkst du, sie erschlägt mich, weil ich zu spät komme?“, aus dem Augenwinkel bemerkte Link, wie ihn Zelda interessiert fixierte.

   „Zu spät?“

   „Sie hat gesagt, gegen Mittag. Es ist fast Zwei.“

   „Ach so. Nein. Sie ist da nicht so. Wenn du eine gute Ausrede hast, verzeiht sie dir. Und wenn ich dabei bin, erst recht.“

   „Sie hat dich ziemlich gern, oder?“

   „Ja. Ich bin quasi ihr Adoptivenkel. Ich hab meine Großmütter nie wirklich kennen gelernt, aber Ydin war immer für mich da, seit wir nach Unruhstadt gezogen sind. Komm. Sonst wird sie vielleicht doch noch wütend.“

 

   Die beiden Männer verließen das Speisezimmer, Link nicht ohne einen Blick zurück auf Zelda, die ihnen fragend hinterher sah. Er verabschiedete sich mit einem Lächeln, das doch recht unschlüssig erwidert wurde.

   Obwohl sie den nördlichen Weg gewählt hatten, mussten sie feststellen, dass das Durchkommen nicht mehr so reibungslos ging, wie gewohnt. Ganze Völkerwanderungen fanden statt. Endlich bei der Schneiderin angekommen, wurden sie von Ydin mit einem breiten Grinsen empfangen und gebeten, ihr in den Raum nach links zu folgen. Sie schloss sorgsam die Tür ab. Dies war die eigentliche Werkstatt. Link sah eine eigenartige Maschine auf einem Tisch stehen. Sie wurde ganz offensichtlich über mehrere Räder mit einem Pedal bedient. An einem anderen Tisch saß ein knochiger, älterer Mann mit mausgrauen, struppigen Haaren. Er nähte gerade an einem breiten, schwarzen Ledergürtel.

 

   „Das, Link, ist mein Mann Frano. Er ist Experte in Sachen Leder.“

   „Guten Tag.“, grüßte Link freundlich.

   „Ich hoffe, es passt alles, wie ich es gemacht habe?“

 

   Er nickte zu einem von vielen Ständern auf der anderen Seite des Raumes. Es gab mehrere Schränke und in einer der Ecken waren viele verschieden große Schachteln getürmt. Gegenüber der Tür stand ein großer, kippbarer Spiegel. Auf den Ständern hingen verschiedenste Kleidungsstücke, unter anderem, Link’s fertiger Unterrock und seine beinahe fertige Rüstung. Nur noch die Metallteile fehlten. Als er das sah, klappte ihm das Kinn ein Stück herab, gerade so, um einen Finger darunter zu spüren, der es wieder hochklappte. Der Besitzer des Fingers lächelte ihn nur kichernd an, als er den Blick verblüfft zu ihm wandte und wieder zu seinem Kostüm zurück.

 

   „Na los!“, drängte Ydin. „Anprobieren!“

   „Was – ich?“, hauchte Link.

   „Na wer den sonst, Junge!“, stöhnte sie. „Ich denke, beim Unterrock wirst du keine Probleme haben. Bei der Rüstung helfe ich dir gegebenenfalls.“

 

   Da auch die Strümpfe und das Unterhemd schon fertig war, kam Link nicht umhin, sich bis auf seine Unterhose auszuziehen. Die Mütze jedoch behielt er auf. Er nahm fasziniert den hellblauen Unterrock vom Ständer. Er sah genau so aus wie sein grünes Gewand, nur um die Mitte etwas anliegender. Der Stoff fiel weich, fühlte sich auch genau so an und schien leicht zu schimmern, je in welche Lichtrichtung er ihn bewegte. Trotz der Eleganz wirkte das Material sehr robust. Er spürte Kafei’s Blick und hängte den Unterrock zurück.

 

   „Was?“, drehte er sich zu ihm um. „Jetzt sind wir quitt, oder?“, lachte er, als er sah, wie Kafei ihn musterte.

   „Nicht ganz.“, schmunzelte Kafei.

   „Ach komm schon. Werd nicht kleinlich.“

   „Ich wusste gar nicht, dass du so muskulös bist. Ich meine, das Gilet hat zwar ein bisschen verraten, aber – natürlich. Wie hättest du sonst all das machen können.“

   „Eben. Aber ich leugne nicht, dass ich mir diesmal auch was antrainiert hab.“

   „Ach?“

   „Klappe. Muss keiner wissen.“, Link ließ sich von Ydin die knallenge Unterwäsche geben. „Was ist dein Training?“

   „Frag meine Tochter. Sie hat es übernommen.“

   „Du kletterst doch nicht etwa noch immer auf den Uhrturm?“

   „Mindestens einmal die Woche.“

   „Du spinnst.“

   „Vielleicht. Ja.“

 

   Die Unterwäsche saß perfekt. Der Stoff war fast schwarz, hatte aber tatsächlich einen dunkelblauen Schimmer. Link nahm den Unterrock erneut in die Hände, öffnete die flachen Knöpfe, schlüpfte mit den Beinen hinein und – steckte etwas. Kafei kam ihm zur Hilfe und hielt den Stoff genau richtig fest, damit Link leichter in die kurzen, Falten werfenden Ärmel hineinkam. Da ohnehin schon zur Stelle, nahm er ihm auch die Arbeit ab, die Knöpfe wieder zuzumachen. Es passte wie er es sich erhofft hatte und fühlte sich angenehm an. Kafei half ihm auch mit der Lederrüstung, da die Gurte hinten zu schließen waren.

   Zuletzt steckte er die neue Mütze von hinten herauf direkt über die alte. Ihr Stoff sah genau so aus wie der des Unterrocks, war aber zudem noch etwas dehnbar. Auch dieses Teil war vollkommen zu Link’s Zufriedenheit. Selbst die Handschuhe konnten nicht besser sein. Er ging zum Spiegel und betrachtete sich fassungslos. Es fehlten nur noch die Metallelemente, sein Schwert und die Gesichtsbemalung – oh – und natürlich die Stiefel. Hastig zog er sie an, nur um einen Eindruck zu bekommen. Plötzlich kam Frano auf ihn zu und reichte ihm den Gürtel, sowie eine kunstvoll bestickte Scheide für ein – riesiges Schwert.

 

   „Sagtest du nicht, du würdest noch ein Schwert brauchen?“

   „Ich kann mich nicht daran erinnern, die Größe gesagt zu haben, aber ja, ich hab es in Auftrag gegeben.“

   „Sei nicht so überrascht, Schätzchen.“, lächelte Ydin. „Heute Morgen kam eine Nachricht von Zubora. Er hat uns die Maße gegeben. Er meinte, morgen bei Sonnenaufgang kannst du alles abholen. Aber vergiss nicht, uns die Teile zu bringen.“

   „Danke.“, staunte Link.

 

   Mit Kafei’s Hilfe legte er sein Kostüm wieder ab. Diesmal war er etwas klüger und zog zuerst die Hose und danach die Stiefel an. Dann zahlte er gleich den ausstehenden Betrag. Freudestrahlend verließen sie die Schneiderei, Link, sein Glück gar nicht fassen könnend. Draußen lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Wand und starrte ins Leere, bis er eine sanfte Hand auf der linken Schulter spürte.

 

   „Geht’s?“, lachte Kafei.

   „Ja.“, hauchte Link. „Du hast wirklich die Wahrheit gesagt.“

   „Dachtest du jemals, ich würde dich anlügen?“

   „Nein.“

   „Gut. Dann lass uns spazieren gehen.“

   „Eine Sache noch – braucht dieses Shampoo irgendwelche Sondermethoden?“

   „Wieso?“

   „Meine Haare sind schon ziemlich grauenhaft. Ich hätte große Lust, sie noch heute zu waschen.“

   „Ach so. Komm mit. Das können wir in unserem Bad machen.“

 

   Lori war etwas überrascht, den Bürgermeister nicht in sein Büro gehen zu sehen, obwohl es schon kurz vor drei Uhr war.

 

   „Eine kleine Bitte, Lori. Hast du was dagegen, sämtliche Personen, die was von mir wollen, an Anju weiter zu leiten und mir Notizen zu machen? Ich nehme mir für den Rest des heutigen Tages frei. Der Vormittag war der Horror.“

   „Natürlich.“, antwortete die junge Frau.

   „Danke.“, seufzte Kafei und zerrte Link nach oben. „So.“, sagte er, als er die Badezimmertür abgeschlossen hatte. „Wäschst du lieber im Becken, in der Wanne oder in der Dusche?“

   „Wie kann man sich bitte in der Badewanne die Haare waschen, ohne zu ertrinken?“

   „Das frag ich mich bei Anju auch immer.“

   „Im Becken.“

   „Gut. Dann gib her das Ding.“

 

   Link nahm die Mütze ab, zog die Flasche heraus und ließ die Mütze einfach auf den Boden fallen. Kafei wies ihn an, zum großen Waschbecken zu gehen, wo er auch die Shampooflasche abstellte. Dann griff er in einen Schrank und nahm eine Bürste heraus. Ohne Link zu fragen, begann er dessen Haare zu bearbeiten. Es zog ein wenig, da seine Haare doch sehr zerzaust waren. Kafei bat ihn, sie kopfüber zu schlagen und drängte ihn mit einer leichten Berührung, den Kopf ins Waschbecken zu stecken. Zur Sicherheit stütze Link die Hände am Rand ab. Kafei legte die Bürste beiseite und drehte langsam Warm- als auch Kaltwasser auf.

 

   „Du musst sagen, wenn die Wärme angenehm ist.“

   „Das passt so.“

   „Gut. Merk dir genau, was ich tue. Beim nächsten Mal machst du’s selbst.“

   „Was hast du vor?“

   „Ha, ha.“

 

   Link spürte, wie Kafei vorsichtig all seine Haare nass machte und auch seine Kopfhaut massierte. Es war eigenartig, fühlte sich aber herrlich an. Dann wurde das Wasser abgedreht. Er sah seitlich, wie der Kristallstöpsel entfernt wurde. Die Flasche verschwand kurz aus dem Blickfeld. Er spürte etwas Kaltes auf seiner Kopfhaut und sah, wie eine Hand anschließend etwas von der Substanz über die Haare im Waschbecken gab. Die Flasche wurde wieder abgestellt und verkorkt. Nun verteilte Kafei das Mittel gleichmäßig. Es fühlte sich so gut an, dass Link nicht anders konnte, als die Augen zu schließen und zu genießen. Auch war es besser so, da er nicht wusste, wie sie auf die Substanz reagieren würden, falls etwas hineinrinnen sollte. Er analysierte jede von Kafei’s Bewegungen bis ins Detail. Plötzlich hörte dieser auf.

 

   „Was ist los?“, hauchte Link.

   „Es muss eine Weile einwirken. Eine gefühlte Minute.“

 

   Auch während dieser einen Minute hielt Link die Augen geschlossen, bedacht darauf, keine von Kafei’s Bewegungen zu verpassen. Ein Tropfen rann ihm über das Genick und ein Lächeln legte sich auf seine Lippen, als Kafei den Tropfen wegwischte. Das Wasser wurde wieder aufgedreht. Link nickte bei der richtigen Temperatur. Es faszinierte ihn, wie gründlich Kafei das Shampoo auswusch und die Haare entwirrte. Als er fertig war, drehte er das Wasser wieder ab und drückte Link’s Haare sorgsam so gut aus, wie es nur ging. Link spürte, wie er noch immer kopfüber aus dem Waschbecken gezogen wurde. Er wollte schon aufsehen, doch Kafei drückte ihn wieder nach unten. Ein Handtuch wurde ihm über den Kopf gelegt. Kafei presste es fest aber vorsichtig auf Link’s Kopf und rieb die restlichen Haare einigermaßen trocken.

 

   „Das darfst du nicht zu wild machen. Sonst werden sie spröde. So. Jetzt schüttle sie so kräftig es geht aus.“, Link tat wie geheißen und Restwasser spritzte umher, allerdings merkte er kaum Unterschied. „Oha. Ich hab befürchtet, dass das kommt.“

   „Was? Dass meine Haare sich nicht so einfach trocknen lassen wie deine?“

   „Ja. Aber egal. Das ist kein Problem. Bleib unten und vor allem, halt still.“, Link stemmte die Hände in die Oberschenkel, gespannt wartend, was nun kam und spürte einen warmen Luftzug um seinen Kopf wandern.

   „Was machst du?“

   „Deine Haare trocknen, Dummkopf.“

   „Wie? Doch nicht etwa mit deinen Händen? Magisch?“

   „Genau so.“

   „Du kannst mit deinen Händen heiße Luft erzeugen?“

   „Nein. Aber Feuer und Wind. Also halt still, ja? Ich will dich nicht anzünden.“

 

   Link schnaubte. Dieser Mann machte ihn jede Sekunde wahnsinniger. Die wenigen Minuten kamen ihm wie eine Ewigkeit vor. Kafei ging mehrmals um ihn herum, um auch alle Stellen zu erreichen. Zwischendurch hörte er immer wieder auf und bürstete sie aus.

 

   „So. Fertig. Gleichlegen darfst du sie selbst. Und komm ja nicht auf die Idee, wieder dieses Ding aufzusetzen. Sie brauchen Luft.“

 

   Link richtete sich auf, warf die Haare in den Nacken und ging zum Spiegel. Sie waren nicht einmal durcheinander, sondern fielen in einem perfekten Mittelscheitel. Auch waren sie viel voluminöser als gewohnt. Zwar fragte er sich, wie lange noch, aber der Anblick erfreute ihn. Er hatte ja tatsächlich schöne Haare. Und dank Kafei’s Hilfe lebten sie zum ersten Mal richtig auf.

 

   „Na?“

   „Traumhaft.“, staunte Link. „Aber ich kann meine Mütze doch nicht einfach da lassen.“

   „Das musst du auch nicht. Denkst du, sie wäre das einzige Objekt ihrer Art?“

   „Nein. Es gibt ja auch die Geldbörsen.“

   „Und dein Medaillon.“

   „Was?“

   „Ja. Vater schenkt niemals grundlos Schmuck. Und wir Shiekah erzeugen auch niemals grundlos Schmuck. Hol es raus und öffne es. Es ist außerdem viel praktischer als deine Mütze. Sobald du es mit einem Wunsch erneut öffnest, hast du das in der Hand, was du rausnehmen willst.“

 

   Und Link hatte gedacht, dass er schon viel gesehen hatte. Aber die letzten anderthalb Tage hatten alles in den Schatten gestellt. Momentan hatte er nur keine Ahnung, was noch alles passieren sollte. Bevor sie nun endlich zu ihrem Stadtspaziergang kamen, führte Kafei ihn in sein und Anju’s Zimmer. Dort holte er zwei dicke Leintücher aus einer übervollen aber geordneten Kiste und gab sie Link zum Verwahren.

 

   „Was soll ich damit?“

   „Nur für den Fall. Frag nicht. Ich sag es dir früh genug.“

 

   Leicht wütend schnaubend, folgte er seinem Freund nach draußen, noch gemächlicher als je zuvor. Weit sollten sie jedoch nicht kommen. Sie bogen nach Nord-Unruh ab. Von Süden her trat nur wenige Augenblicke später eine Horde Dekus aus dem Durchgang. Unter ihnen war die seit damals nicht viel gewachsene Prinzessin. Ihr Vater war nicht dabei, stattdessen aber eine Gruppe Affen. Das Deku-Mädchen trug einen sehr pompösen Kopfschmuck. Link schloss daraus, dass sie nicht länger Prinzessin war. Doch er hatte kaum Zeit, sie genauer anzusehen.

   Das nächste was er registrierte, war ein starkes Zerren an seinem rechten Arm, seine unfreiwillig folgenden Beine und dass er mit dem Rücken gegen eine Wand gedrückt wurde, je eine Hand auf seinen Schlüsselbeinen. Das Profil von Kafei’s Gesicht befand sich unmittelbar vor seiner Nase. Er folgte Kafei’s Blickrichtung, zwischen Rutsche und Baum hindurch. Die Königin bog mit ihrem Hofstaat zur Feenquelle. Sie hatte die beiden Männer nicht bemerkt. Ein Deku nach dem anderen tauchte in der Blume auf dem Aufgang ab und schwebte über den Zaun. Genauso hintereinander verschwanden sie im Erdloch. Die Affen machten es kletternd. Kafei seufzte und ließ seinen Kopf, noch immer zur Seite gedreht, gegen Link’s Stirn fallen.

 

   „Sie steht auf mich.“, hauchte er.

   „Wenn sich nichts geändert hat, steht sie auch auf mich. Ich denke, das ist normal bei ihr.“

 

   Kafei dreht ihm das Gesicht entgegen, wobei sich ihre Nasenspitzen berührten. Beide kicherten kurz auf.

 

   „Deine Nase ist kalt.“, flüsterte Link.

   „Das ist sie meistens.“

 

   Kafei schloss die Augen und verwehrte Link damit die Sicht auf dieses übersinnliche Rot. Um die Lage nicht unfair zu machen, schloss auch er die Augen. Er spürte Kafei’s Atem auf seinen Lippen und umgekehrt. Kafei stupste kurz etwas fester gegen Link’s Nase, ohne die Verbindung zu lösen. Dennoch schlugen beide die Augen wieder auf, nicht ganz sicher, was sie da taten. Doch gleich darauf sollten sich ihre Augenlider wieder schließen. Kafei begann, seine Nase gegen Link’s zu reiben. Dieser ließ alles über sich ergehen. Er hatte nie etwas gegen die eigenwilligen Gesten dieses Mannes gehabt, auch als Kind nicht. Selbst wenn er jetzt erst sechzehn Jahre alt war, hatte er sich, seit er Kafei kannte, bei noch niemandem sonst so wohl gefühlt.

   Etwas seidig Weiches berührte seine Lippen. Sich bewusst, was es war, ließ er Kafei gewähren und versank in der sanftesten Berührung, die er je gespürt hatte. Langsam fuhren seine Hände über Kafei’s Rücken und er zog ihn näher an sich. Sogleich bereute er es. Kafei stoppte. Sein Atem wurde heftiger. Verwirrt machte Link die Augen auf und sah, dass Kafei ihn nur verzweifelt anstarrte. Dann trat der Mann einen Schritt zurück. Noch einen Schritt. Schlagartig drehte er sich auf dem Absatz um und rannte aus ihrem Versteck heraus, gen Süden.

 

   „Kafei!“, rief Link ihm flach nach, doch es half nichts.

 

   So schnell es seine momentane Trance zuließ, lief er ihm hinterher. Als er hinter dem Uhrturm abbremste, war Kafei nirgends zu sehen. Verzweifelt ließ er die Schultern hängen und machte ein paar Schritte hinter dem Uhrturm hervor. Der Platz war belebt, doch Kafei’s blaue Haare waren nicht Teil davon. Intuitiv blickte er nach oben. Und tatsächlich. Ein Paar Schuhe verschwand aus seiner Sicht. War das sein Ernst? Einen Moment sammelte Link seine Gedanken. Dann tat er etwas, was er von sich selbst nicht erwartet hätte.

   Er wusste, dass es nicht einfach werden würde. Er war nicht gerade ein Meister in Sachen Klettern. Ehrlich, er war grottenschlecht. Jedoch war seine Motivation gerade so groß, dass er jegliche Absturzgefahr außer Acht ließ. Er wusste, dass er die Kraft dazu hatte, nur nicht wie lange. Es war ihm Egal. Er suchte einen Ausgangspunkt und fand ihn im seitlichen Zahnrad. Wackelig kletterte er auf die Eulenstatue und griff danach. Auf die Drehungen des Rades wollte er erst gar nicht warten. So zog er sich gleich daran hoch und bahnte sich seinen Weg nach oben.

   Der Uhrturm hatte mehr Vorsprünge und Kanten, als Link gedacht hatte. Hatte er ihn wirklich nie so genau angesehen? Bald war er über der Hälfte. Konzentriert kletterte er weiter, sich selbst mental davon abhaltend, auf anderes als seinen weiteren Weg nach oben zu achten. Wie bitte war Kafei so schnell hinauf gekommen? Reine Übung und Vererbung? Unfassbar. Das schlimmste Stück stand Link noch bevor: die steinerne, sich drehende Kugel, die wie ein Leuchtsignal fungierte und über das Land schien. Sie war so hoch, dass es ihm mit Sicherheit unmöglich war, auf sie zu gelangen.

   Das verspiegelte Loch durch welches das Licht von innen drang, war nicht gerade groß. Auch war der Sockel auf dem sie thronte, nicht gerade breit genug, um sicher darauf zu stehen. Genau an dieser Stelle scheiterte er. Mit einem Ruck rutschte er mit der linken Hand ab und sah sich schon fallen. Doch er spürte, wie jemand die eben abgerutschte Hand fest packte und ihn daran in die Höhe zog. Er griff ebenfalls danach, als auch nach Kafei’s anderer Hand. Erst dann sah wirklich zu ihm auf. Teile von blauen Haaren schwangen an den Seiten seines Kopfes nach unten. Kafei’s Gesichtsausdruck war eine Mischung zwischen Angst und Belustigung.

 

   „Was soll das?“, fauchte Link. „Willst du uns beide umbringen?“

   „Lieber uns beide, als nur dich alleine.“

   „Wie bei Biggoron hältst du dich da oben?“

   „Lass mich dich hochziehen und schau’s dir selbst an.“, grinste Kafei. „Aber hilf auch ein bisschen mit, bitte.“

 

   Etwas umständlich aber dennoch, schafften sie es schwer atmend und wohl auf, auf der Kugel zum Sitzen zu kommen. Zwei Dolche steckten im Stein. Im Stein? Wie hart waren diese Klingen? Wie stabil? Wie scharf? Er traute wirklich seinen Augen nicht. Kafei musste sich tatsächlich mit den Füßen an ihnen eingehakt haben. Selbiger zog die Dolche mühelos heraus, schob seine Hosenbeine etwas in die Höhe und steckte die Waffen wieder in ihre Riemen.

 

   „Du bist wahnsinnig.“, keuchte Link nur entgeistert.

   „Danke. Ich steh dazu.“, lachte Kafei. „Du auch.“

   „Vermutlich. Warum bist du davongelaufen?“

   „Ich weiß es nicht. Es tut mir leid. Ich hätte das nicht tun dürfen. Das vorhin war nicht richtig. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.“

   „Ich kann dir schon sagen, was in dich gefahren ist.“

 

   Link rückte näher an Kafei heran, als er ohnehin es schon war, strich ihm die Haare aus dem Gesicht und vollendete, was der andere begonnen hatte. Die nächsten Minuten über waren keine Worte mehr nötig. Kafei war hier oben nie schwindlig geworden, auch nicht obwohl sich die Kugel drehte, denn sie drehte sich sehr langsam. Aber die Tatsache, dass er die Augen geschlossen hatte und gerade den wundervollsten Kuss aller Zeiten genoss, ließen ihn daran zweifeln, ob er die Balance halten konnte, obwohl die Kugel oben etwas abgeflacht war.

   Als sich seine erste Ohnmacht gelegt hatte, ließ er es sich nicht nehmen, mit seiner Zungenspitze etwas dazwischenzuspielen. Kichernd bemerkte Link, was Kafei tat und machte es ihm nach. Nach einigem Hin und Her berührten sich ihre Zungenspitzen plötzlich. Wenn es auch nur kurz gewesen war, so schauderte ihnen doch beiden.

   Leicht erschrocken ließen sie ein Stück voneinander ab und kicherten sich gegenseitig an. Kafei zog Link an sich und schloss ihn zärtlich in die Arme. Auch Link legte seinerseits die Arme behutsam um den anderen. In dieser Umarmung gefangen, vergingen wieder einige Minuten, bis sie aufschraken, da die Glocke läutete.

   Es war fünf Uhr. Die Sonne stand schon sehr tief über dem Meer. Erst jetzt wagte es Link, den Blick auf etwas anderes zu richten als auf Kafei. Das Wetter war noch immer herrlich und von hier oben konnte man einen Großteil von Termina überblicken. Kafei machte Link mit wenigen Bewegungen klar, dass er sich mit dem Rücken gegen seine Brust lehnen sollte. Etwas ungeschickt drehte er sich um, kuschelte sich an Kafei und wartete, bis dieser seine Arme um ihn geschlungen hatte. Dann drückte er Kafei’s Arme noch fester an sich.

   Gemeinsam beobachteten sie, wie Termina langsam an ihnen vorbeizog. Von unten herauf drang der Lärm der Stadt, unzählige Schritte und Gespräche, die Themen nicht eruierbar. Ein leichtes Lüftchen wehte um sie und durch ihre Haare.

 

   „Du hattest Recht.“, hauchte Link.

   „Womit?“

   „Sie ist tatsächlich ein Mädchen.“

   „Zelda?“, lachte Kafei.

   „Ja. Das war der verrückteste Geburtstag den ich je hatte. Eigentlich war es der einzige richtige Geburtstag. Alle anderen sind in wichtigeren Angelegenheiten untergegangen. Danke.“

   „Keine Ursache.“, er gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Was meintest du wegen Zelda?“

   „Du bist nicht der Einzige, der mich heute geküsst hat.“, seufzte Link.

   „Ist das dein Ernst?“, sagte Kafei nach einigen Augenblicken.

   „Ja.“

   „Sie hat dich geküsst?“, sie sahen einander genau in die Augen.

   „In Ikana. Sie hatte es ziemlich eilig, es zu tun. Nicht in der Ausführung – ähm – einfach, es zu tun – “

   „Und warum sitzt du dann hier? Küsse ich besser, oder was?“

   „Idiot.“, fauchte Link und lehnte seinen Kopf wieder gegen Kafei’s. „Wenn ich ehrlich bin, ja.“

   „Übungssache.“

   „Glaub was du willst. Aber es ist nicht der eigentliche Grund. Zelda – wie soll ich sagen – sie ist so was wie eine Schwester für mich. Eine gute Freundin. Eine Wegbegleiterin. Naja – du eigentlich auch. Aber – bei ihr – wie soll ich sagen – es hat sich einfach nicht richtig angefühlt. Mir ist in den letzten Tagen einiges klar geworden. Ich bin ständig von Mädchen angehimmelt worden. Aber – das – sie waren für mich nie mehr als Bekannte. Als ich das erste Mal so alt war wie jetzt, hat mich Navi noch mehr genervt als sonst. Nicht nur, dass sie mir andauernd gesagt was ich zu tun hätte, sie hat mich ständig gefragt, ob die oder die andere nicht süß wären. Sie hat nie kapiert, warum ich ihr keine Antwort gegeben hab. Ich hab einfach keine von denen je süß gefunden. Eher nervig mit ihrer Schwärmerei. Ich hab sie einfach nicht attraktiv gefunden. Und mir dummerweise nicht einmal was dabei gedacht. Eines werde ich Zelda aber nie verzeihen.“

   „Was denn?“

   „Dass sie sich so gekonnt als Mann ausgegeben hat und es auch noch gewagt hat, mir diese Illusion zu offenbaren. Dieser Shiek war irgendwie attraktiv. Aber sie? Ich weiß nicht. Jedenfalls nie für mich. Epona hat mich verstanden, glaube ich. Jedenfalls hat sie sich so verhalten. Und dann steck ich nun, mit der Erfahrung eines jungen Mannes, wieder als Kind im Wald fest. Ich hab geglaubt, ich spinne. Da geht Zelda her und schickt mich weg, obwohl wir beide gewusst haben, was passiert, wenn ich Ganondorf nicht aufhalte. Aber es ist alles anders gekommen. Und da steh ich nun, mit einem glockenbehangenen Glühwürmchen in einem völlig anderen Land, einer unbekannten Stadt, in einen Deku verwandelt. Deine Haare haben mir schon im ersten Moment in die Augen gestochen. Da warst du mir zwar noch etwas gleichgültig, aber als ich die Aufgabe hatte dich zu suchen, bin ich mir schon verarscht vorgekommen.“

   „Inwiefern?“

   „Ich meine, dieser Wachmann hätte doch deine Haare erkennen müssen. Aber egal. Als du dann deine Maske abgenommen hast – wenn ich nicht gewusst hätte, dass du eigentlich männlich sein solltest, hätte ich dich für ein Mädchen gehalten. Und ich muss ehrlich sein, du warst das erste Mädchen, das mir gefallen hat. Ohne dass ich wusste wieso, hab ich euch beiden immer wieder geholfen, auch wenn es schon unnötig war, da ich alles hatte, was ich aus – der Sache – herausholen konnte. Heute weiß ich, dass ich dich nur gerne gesehen hab. Ich denke, ich hab mich schon als Kind in dich verliebt. Auch wenn mir das damals nicht bewusst war. Ich dachte, ich hätte endlich den Bruder gefunden, den ich immer gebraucht hätte. Und was mach ich? Ich geh weg, weil mir die Welt wichtiger ist als jemand, den ich liebe. Ich sollte eindeutig meine Prioritäten klären.“

   „Wenn ich dir damals wichtiger gewesen wäre, würden wir vielleicht nicht mehr leben. Mach dir besser das klar, als dass du dir irgendwelche Schuldgefühle einredest. Ich hab eine Familie und ich liebe sie. Bis auf eine Person halt. Aber das hatten wir bereits. Ja, anfangs warst du für mich binnen kürzester Zeit wie eben jener Bruder, den auch ich nie hatte. Aber als du gestern vor mir gestanden hast, habe ich den schönsten Mann des Universums gesehen. Es war nur noch eine Frage von Stunden, bis mein Herz mich in deine Arme lenken würde.“

   „Eigentlich bin ich es, der gerade in deinen Armen liegt.“

   „Das ist nicht witzig. Du weißt, wie ich das gemeint hab. Du hast meinem Leben damals und heute noch mehr, eine Freude und Geborgenheit gegeben, wie ich sie noch nie haben durfte. Ich weiß, dass ich bei dir sein kann, wie ich bin und auch dass ich bei dir sicher bin. Dass ich dir das Selbe anbiete, hast du ja schnell mitbekommen.“

   „Und genossen.“, betonte Link grinsend.

   „Das hab ich gemerkt.“

   „Eines nervt allerdings.“

   „Was denn?“

   „Dass ich diesen wahnsinns Sonnenuntergang nicht durchgehend ansehen kann.“

   „Da ließe sich was machen.“

   „Bis wir am Meer sind, ist sie weg.“

   „Ich hab gesagt, da ließe sich was machen.“

   „Und was, bitteschön?“

   „Ich hab dir doch was gegeben.“

   „Was? Was willst du jetzt mit – Kafei?“

   „Genau. Pack sie aus. Sonst ist die Sonne weg.“

 

   Link schüttelte den Kopf und öffnete das Medaillon. Trotzdem war er mit der plötzlichen Masse Stoff in seinem Schoß etwas überfordert. Kafei half ihm raus. Er bat ihn, aufzustehen. Die Ecken der Bettlaken waren eingeschnitten und die Ränder mit Nähten verstärkt. Er band sie wie einen umständlichen Umhang an Link’s Knöchel und Handgelenken fest. Dasselbe tat er mit dem zweiten Tuch bei sich. An Link’s Haaren überprüfte er die Windrichtung. Ein leichter Aufwind von Westen her. Es würde sie ein wenig bremsen. Jedoch würden sie aufpassen müssen, dass sie nicht zu tief flogen.

 

   „Vertraust du mir?“

   „Voll und ganz.“

   „Gut. Nimm meine Hand und mach genau das, was ich auch mache. Später werde ich dich loslassen. Das erleichtert die Landung. Ich sag dir jetzt alles, was du wissen musst. Den Rest spürst du. Also. Je weiter du deine Arme und Beine auseinander streckst, desto mehr schwebst du. Verringerst du die Abstände, fällst du. Die beste Bremsmethode ist ein kurzer Sinkflug. So hast du viel Gegenwind. In etwa zwanzig Ellen über dem Boden streckst du wieder alles und versuchst, in die Vertikale zu gehen, also Oberkörper zurück, Hintern nach vorne.“, erklärte Kafei. „Aber mit dem Kopf nach oben, ja?“, fügte er kichernd hinzu und erntete einen vernichtenden Blick.

   „Und das funktioniert wirklich?“

   „Ich lebe noch, oder? Allerdings kann ich dir nicht garantieren, dass es dich beim ersten Mal nicht auf die Nase haut – möglicherweise überschlägt – du solltest nur möglichst in meiner Nähe landen. Oh und – nicht in einer Wand.“

   „Ach. Wirklich?“

   „Gut.“, er griff nach Link’s Hand. „Wir warten, bis wir herum sind. Auf drei – “, er wartete, bis sie nach Südosten ausgerichtet waren, „Eins, zwei, drei – los!“

 

   Sie schafften es zum Glück, gleichzeitig abzuspringen. Zuerst sanken sie nur. Link tat, was Kafei ihm gesagt hatte. Langsam überkam ihn Panik. Sie waren schon auf die Hälfte des Uhrturms gesunken. Doch dann griff der Gegenwind und sie hoben plötzlich ab. Unbehindert schwebten sie über die Dächer der Stadt hinweg. Link sah, wie einer der Wachposten den Kopf schüttelte. Der Aufwind an der Stadtmauer ergriff sie und trug sie weiter in die Höhe. Nun ließ Kafei los. Link fiel etwas zurück, versuchte aber, ihm zu folgen. Jetzt wo er wirklich flog, war es ein herrliches Gefühl. Ein weiterer Aufwind hob sie nach oben.

   Bald waren sie über dem Strand. Wenige Sekunden später flogen sie an der Forschungsstation vorbei. Wie weit denn noch? Kafei beantwortete Link’s Frage, indem er nach rechts wendete. Es sah so leicht aus – war es auch, wie Link feststellte. Sie flogen in Richtung Piratenfestung. Dann ging Kafei in den Sturzflug, bremste ab und landete gekonnt unter der Palme auf der größten Insel.

   Wieso konnte er nicht einen besseren Landeplatz wählen? Die Felsbänke dahinter – den Strand – aber nein, er musste unbedingt hier landen. Es half nichts. Link tat es ihm nach und versuchte durch Schweben abzubremsen. Er schaffte es sogar, unter die Palme hineinzuzielen. Allerdings nicht mit der richtigen Geschwindigkeit. Auch Kafei konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen. So mähte er ihn um und beide purzelten ins Wasser.

   Lachend und wasserspuckend tauchten sie wieder auf und versuchten sich, wo es nur ging, festzuhalten, ohne sich dabei in den Tüchern zu verfangen. Link fand seinen Anhaltepunkt an Kafei’s Schultern und Kafei; mit der rechten Hand am Fels und dem linken Arm um die Taille seines Freundes; fand seinen endgültigen Anhaltepunkt an eben dessen Lippen. Sie machten genau an dem Punkt weiter, an dem sie auf dem Uhrturm aufgehört hatten. Erst ein kühler Luftzug unterbrach ihre sinnliche Vereinigung.

   Abgelenkt sahen sie beide zur untergehenden Sonne. Diese berührte gerade den Horizont. Kafei ließ Link los, kletterte auf die Insel zurück und half Link hoch. Dort legten sie sich auf die Bäuche und genossen händehaltend die Zeit, bis die Sonne endgültig verschwunden war. Mit einem letzten Schimmer auf den entfernten Wellen und einem Windhauch versank sie ins Ungewisse. Kafei drehte sich auf seine rechte Seite und lächelte Link an, ohne den Griff zu lockern. Link drehte sich ebenfalls zu ihm und tat es ihm nach. Mehrere Minuten lang lagen sie nur so da, bis ihnen durch die Nässe leicht kalt wurde. Kafei ließ Link’s Hand los und legte sich auf den Rücken, das linke Bein aufgestellt und die linke Hand unter seinen Kopf gelegt. Nachdenklich fuhr er sich durch die nassen Haare.

 

   „Und? Was jetzt?“, fragt Link und stemmte den Kopf auf den abgestützten Arm.

   „Ich weiß nicht.“, flüsterte Kafei und schloss die Augen. „Sag du es mir.“

 

   Kafei streckte seinen rechten Arm unter Link durch und streichelte dessen Rücken. Link hingegen rückte näher an ihn heran, strich mehrmals über seine Wange und schenkte ihm einen sanften Kuss, welchen Kafei sofort erwiderte. Noch immer mit geschlossenen Augen spürte er, wie Link’s Hand nach unten wanderte und die Knöpfe seines Gilets öffnete. Danach zog Link Kafei’s Hemd aus dem Hosenbund und ließ seine Hand darunter nach oben gleiten.

   Sein Atem wurde flacher und Link konnte ein kleines Lächeln auf Kafei’s Lippen zaubern, als er am Hals angekommen war und mit dem Zeigefinger über dessen Wange fuhr. Er zog die Hand so langsam und zärtlich wie nur möglich zurück. Dann öffnete er auch die Hemdknöpfe und begann Kafei’s Oberkörper von den Lippen beginnend nach unten zu Küssen. An seinem Nabel stoppte er und leckte sich seinen Weg zurück hinauf. Als er an Kafei’s Adamsapfel angekommen war, machte dieser erstmals wieder den Mund auf um etwas zu sagen, anstatt nur leise zu stöhnen.

 

   „Bist du dir sicher, dass du so etwas noch nie gemacht hast?“, Link setzte ab und sah ihm ins Gesicht.

   „Ja. Ich dachte nur, ich könnte ein bisschen kreativ sein und dir das antun, was mich vermutlich in den Wahnsinn treiben würde.“

   „Mach weiter so und du hast mich in spätestens fünf Minuten.“, Link wandte den Blick in eine tieferliegendere Region.

   „Das sehe ich.“, kicherte Link.

 

 

 ~o~0~O~0~o~

 

 

   Er ließ von Link ab, krabbelte gleichauf und hüllte ihn halb mit seinem eigenen Körper, halb mit seinem noch immer nassen Flugtuch ein. So lagen sie mehrere Minuten schweigend aneinadergekuschelt da, sich nur hin und wieder gegenseitig streichelnd. Beide hatten nicht den blassesten Schimmer, wie viel Zeit seit dem Sonnenuntergang verstrichen war. Doch Link sah einige Sterne zwischen den Blättern der Palme hindurchblitzen. Kafei’s Wärme war unglaublich. So, als würde er absichtlich mehr Wärme erzeugen, damit sie nicht froren. Erst ein Geräusch, ausgehend von Link’s Magen, erinnerte sie wieder daran, dass sie doch in die Stadt zurück müssten, um nicht aufzufallen.

 

   „Du hast doch nicht etwa geschluckt, oder?“, fragte Link, als sie sich gegenseitig ihre Kleidung wieder zurecht richteten.

   „Doch.“, kicherte Kafei. „Erstens ist mir momentan nichts anderes übrig geblieben und zweitens, wollte ich es irgendwie wissen.“

   „Und?“, drängte Link. „Hat’s geschmeckt?“

   „Schon.“, überlegte Kafei während sie aufstanden. „Süßlich mit einem Hauch von bitterem Nachgeschmack.“

   „Nein. Ernsthaft.“

   „Ja.“

   „Wirklich?“

   „Ja!“, wiederholte Kafei lachend, als er Link’s verblüfftes Gesicht sah. „Soll ich uns trocknen?“

   „Nein. Ich hasse es, wenn das Salz juckt. Wir nehmen den kürzesten Weg zurück. Nach dem kleinen Canyon ist ein Erdloch in dem sich eine tiefe Grube mit klarem Wasser befindet. Wenn sie nicht endgültig gestorben sind, wachsen darin ein paar Bio-Dekuranhas. Aber die sind keine Gegner, wie du hoffentlich weißt.“

   „Gut.“, lächelte Kafei, küsste Link, stieß ihn ins Meer und sprang ihm mit einer Arschbombe nach.

   „He!“, lachte Link.

   „Wer zuerst am Strand ist.“

 

   Dieses Rennen ging eindeutig an Kafei. Da sie die Tücher nicht abgebunden hatten, war Link immens langsam. Kafei’s Gene hingegen ließen sich von einem nassen Betttuch nicht beeinträchtigen. Etwas geschafft, ließ Link sich in den weißen Sand fallen.

 

   „Außer Übung?“

   „Nein. Aber das war unfair.“

   „Ich weiß. Tut mir leid.“, grinste Kafei und half ihm auf, um sie beide anschließend von den Laken zu befreien. „So. Und jetzt – wer zuerst in der Ebene ist!“

   „Was? He! Warte!“, unfassbar, dachte Link.

 

   Doch diese Runde ging an ihn, wenn auch nur ein Haar. Bei jeder Gelegenheit schnitt er Kafei innen. Über den letzten Zaun fielen sie mehr. Da Link zuerst den Boden auf der anderen Seite; wenn auch auf eine nicht wettbewerbstaugliche Art; berührte, musste sich Kafei geschlagen geben. Link führte ihn zu dem Felsbrocken auf dem Erdloch.

 

   „Das ist es?“, fragte Kafei.

   „Ja. Der Stein muss weg.“

 

   Er wollte schon das Medaillon öffnen, um seine Mütze hervorzuholen und eine Bombe rauszuziehen, doch Kafei war schneller. Er presste seine Handflächen vor seiner Brust aneinander, senkte den Kopf, schloss die Augen und es krachte, als der Fels mit vollster Wucht vom Loch geschleudert wurde. Link sah, wie sich der Sand zwischen Kafei und dem Loch legte und eine gerade Spur zurückließ. Kafei nahm seine Hände wieder auseinander und bedeutete Link, dass der Weg frei war.

 

   „H-h-hast du – d-d-den jetzt etwa – w-weggefegt?“, stotterte Link.

   „Ja. Ich meine, warum Bomben verschwenden, wenn’s auch so geht?“, grinste Kafei selbstzufrieden, als Link den Kopf schüttelte.

 

   Von den Bio-Dekuranhas fehlte jede Spur. Sie mussten verhungert sein und sich über die Jahre hinweg im Wasser aufgelöst haben. Umso besser, dachte Link. Noch eine Arbeit weniger. Also holten sie beide tief Luft und sprangen hinein, damit sie auch gründlich durchgespült wurden. Link wollte schon wieder auftauchen, als Kafei ihn zu sich auf den Grund zog und ihm einen tiefen Kuss gab. Bedacht darauf, dass ihre Lippen geschlossen waren, trennten sie sich wieder. Link war zwar verwundert, wie Kafei sich einem Zora gleich auf einer Höhe halten konnte, aber ihm ging die Luft aus. Kafei merkte das, küsste ihn abermals und hauchte ihm dabei einen Teil seiner Luft in den Mund. Er löste sich wieder von ihm los, grinste breit und zog ihn mit einem Schwung nach oben.

   Link hatte gehofft, dass er endlich aufhören würde, sich immer wieder von Neuem über Kafei zu wundern, aber er schaffte es nicht. Wieder an der Oberfläche, legten sie ihre Arme umeinander und schmiegten ihre Gesichter zusammen. Link begann langsam, an Kafei’s rechtem Ohr entlang zu lecken. Als er es spielerisch zur Gänze in den Mund nahm, um regelrecht daran zu lutschen, verschluckte er sich fast, da Kafei ihn ansprach.

 

   „Noch immer hungrig?“, etwas beleidigt ließ er Kafei’s Ohr sein.

   „In mehrerlei Hinsicht.“, hauchte Link zurück und Kafei lächelte.

   „Dann lass uns essen gehen, bevor du mir meine Ohren abbeißt. Nicht, dass mir das nicht gefallen hat, aber die anderen warten sicher schon alle auf uns.“

 

   Sie stiegen aus dem Becken, zogen die Leintücher heraus und ließen sich durch den Lichtsog wieder nach draußen ziehen. Nachdem sie den breiten, sandigen Landstreifen überwunden hatten, rannten sie die Rampe nach oben, in die Stadt hinein und quer hindurch. Kafei öffnete die Tür und schloss sie gleich wieder hinter ihnen. Kari saß an der Rezeption und las ein Buch. Als sie die beiden entdeckte, erschrak sie leicht. Allerdings starrte sie ihnen nur nach. Zum Glück war ihr Buch so spannend, dass sie es nicht wagte, sich noch einmal nach ihnen umzudrehen, als sie hinter ihr vorbeigingen. Vor der Tür hielt Kafei Inne, warf die beiden Tücher in die Ecke und zog Link für einen letzten, geräuschlosen, überaus leidenschaftlichen Kuss zu sich, um dann kichernd die Tür aufzureißen.

 

   „Ist das die Rache, weil ich ihn zu spät zum Mittagessen gebracht habe?“, fragte Zelda, als sie ins Speiszimmer gepoltert kamen.

 

   Die beiden Männer sahen sich nur an und brachen schlussendlich in schallendes Gelächter aus. Ja, man konnte es durchaus als Rache sehen. Rache und Revanche in einem, mit einer mächtigen Draufgabe. Kafei’s Kinder hatten zu diesem Zeitpunkt bereits; wie das frisch gebackene Liebespaar später erfahren sollte; eine halbe Stunde zuvor zu Ende gegessen und den Raum verlassen. Zelda war zu ihrem Glück diskret genug und drang nicht in ihre Köpfe. Dotour jedoch verschluckte sich, was allerdings aufgrund des Lachanfalls der beiden niemand bemerkte. Alle Blicke, auch die der Gäste, waren restlos auf sie gerichtet.

 

   „Was um alles in der Welt habt ihr gemacht? Es ist schon nach Acht – meine Güte! Ihr seid ja klitschnass!“, jammerte Anju.

   „Das liegt daran,“, beruhigte sich Link einigermaßen, „Dass mich dein verrückter Ehemann – “, er staunte selbst leicht, dass er dieses Wort verwendete, „Auf den Uhrturm getrieben hat, um mit Bettlaken zur Schädelküste zu schweben, wo ich dann eine Bruchlandung in ihn hinein gemacht habe.“

   „Ja, das ist mein Sohn.“, seufzte Dotour verhalten, drehte sich wieder zum Tisch und aß weiter.

 

 

~o~0~O~0~o~

 

 

   Da Zelda ihren Wahn, in der Küche helfen zu wollen, durchzog, ergriff Link die Chance. Er und Kafei verschwanden in der sogenannten Rumpelkammer im ersten Stock. Vorsichtshalber schloss er ab. Sie hatten im Stehen essen müssen, weil Anju ihnen verboten hatte, sich so klitschnass, wie sie waren, hinzusetzen. Dann standen sie vor der nächsten Überlegung. Sie wussten nicht, wie lange Zelda brauchen würde. Ein paar nachdenkliche Augenblicke später erübrigte sich die Überlegung, denn sie kamen zu dem Entschluss, dass sie einfach keine Wahl hatten.

   Eilig zogen sie sich aus. Kafei ließ ihr nasses Gewand und die Betttücher im Zimmer schweben. Nun startete er eine, in Link’s Augen, äußerst gefährliche Aktion. Er erschuf mehrere Flammenstränge und lenkte sie rasend um die nassen Stoffe herum. Link war hin und her gerissen zwischen leichter Angst, Erstaunen, Bewunderung und – wie soll man sagen, er fand nicht nur das Feuer unglaublich heiß, sondern auch die Tatsache, dass dieser wunderschöne, splitternackte Mann diese Macht erschaffen hatte und mit solch einer Leichtigkeit kontrollierte.

   Er wollte seine Arme um ihn legen – ihn nicht mehr loslassen – ihn küssen, bis sie beide in Irrsinn versinken würden. Aber er hatte Angst, ihn zu stören. Die Leben von vielen hingen davon ab, ihn jetzt seine Beschäftigung beenden zu lassen. Aber es dauerte nicht lange. Kaum war Kafei fertig, verschwanden die Flammen und mit ein paar Schlenkern seiner Hände, falteten sich die Tücher, sowie Link’s Gewand, makellos zusammen und landeten auf dessen Bett. Sein eigenes ließ er ungefaltet daneben hingleiten.

   Danach ging er zu Link, um die Haare seines Geliebten zu trocknen. Dafür borgte er sich ungehemmt Zelda’s Bürste aus. Anschließend schüttelte er seine eigenen Haare trocken und gab Link einen zärtlichen Kuss. Dieser zog eine streichelnde, beiderseitige Umarmung mit sich und endete erst, als sie ein Rütteln an der Türschnalle vernahmen. So schnell konnte Link gar nicht schauen, hatte Kafei ihm sein Nachtgewand über gesteckt, das andere vom Bett entfernt und seine Sachen gepackt.

 

   „Link? Bist du da drin? Wenn ja, sperr bitte auf.“, Kafei bedeutete Link, ins Bett zu schlüpfen und so zu tun, als würde er schlafen. „Wenn nicht, erwürge ich dich trotzdem.“

 

   Kafei machte sich mitsamt allem in seinen Händen unsichtbar. In dem Moment hatte Zelda das Schloss magisch geknackt. Link wagte es nicht, die Augen zu öffnen. Er hörte sie nur seufzen und zu ihrem Bett gehen, wo sie ihr Nachtgewand holte. Irgendetwas suchte sie. Sie fand es auf Link’s Nachttisch. Kafei kniff die Augen zusammen. Er wusste, dass er etwas vergessen hatte. Zelda aber nahm die Bürste in die Hand, sah Link an und ging lächelnd aus dem Zimmer, die Tür leise schließend. Kafei wartete, bis sie auch die Tür zum Badezimmer geschlossen hatte und machte sich wieder sichtbar.

 

   „Das war knapp.“, hauchte er.

   „Du Idiot.“, murmelte Link und sah ihn grimmig an. „An alles denkst du, aber die Bürste lässt du liegen?“

   „Sie hat gedacht, du hättest sie benützt. Wahrscheinlich steht sie jetzt vor dem Spiegel und schwärmt darüber, wie süß das ist.“, nach ein paar Schweigesekunden fingen beide an, leise zu kichern.

   „Indirekt hab ich sie ja auch benützt.“

   „Ja. Ich zieh mich besser an. Es kommt vielleicht nicht so gut, wenn ich plötzlich vor Anju stehe. Sie weiß nicht, dass ich mich unsichtbar machen kann.“

   „Was? Du hast Geheimnisse vor ihr?“, neckte Link.

   „Klappe.“

   „Nein. Bitte bleib so. Ich finde den Gedanken, dass du unsichtbar und splitterfasernackt durch Ost-Unruh rennst, äußerst – interessant.“

   „Stell’s dir ruhig vor. Ich mach das sicher nicht.“, raunte Kafei.

   „Das ist nicht das Selbe, wenn ich es mir nur vorstelle, weißt du?“

   „Mir doch egal. Ich zieh mich an.“, das tat er auch.

   „Schwein.“, grummelte Link.

   „He!“, zischte Kafei zurück. „Wer hat denn hier die schmutzigen Gedanken?“

   „Ich möchte nicht wissen, welche du hast. Aber meine sind für dich offiziell wieder freigegeben. Auch wenn das unfair ist, aber mir ist egal, ob du meine Gedanken liest, solange nur du es tust.“

   „In Ordnung.“, lächelte Kafei, bückte sich zu ihm hinunter und küsste ihn sanft. „Gute Nacht.“

   „Gute Nacht.“, lächelte Link zurück.

   „Verschlaf nicht. Du musst bei Sonnenaufgang im Bergdorf sein.“

   „An was du nicht alles denkst. Außer an Bürsten halt.“

   „Trottel.“

   „Keine Sorge. Ich hab eine innere Uhr, die mich rechtzeitig rauswirft, wann ich will.“

   „Sicher?“

   „Ja.“

   „In Ordnung.“, er machte sich erneut unsichtbar und schlich aus dem Zimmer. „Gute Nacht, Honigmäulchen.“

 

 

 

  Pst!“, er erschrak leicht. „Pst!“, mit verengten Augen drehte er sich zu dem geheimnistuerischen Zischen um, nur um eine ihm sehr bekannte Hand aus der einen Spalt breit geöffneten Tür seines Büros fuchteln zu sehen.

  Was?“, zischte er in seiner Muttersprache zurück.

  Sch!

  Was?“, zischte er leiser und die Hand bat ihn zu sich. „Hab ich irgendwas verpasst?“, fauchte er, nachdem sein Vater die Tür hinter ihm geschlossen hatte.

  Nein.“

  Schön. Also?

  Vermutlich hab ich’s ja schon, aber ich möchte dir diesen Tag eigentlich nicht versauen.“, Kafei stutzte.

  Wie kommst du auf die Idee, ich würde das denken?

  Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe für dich, dass du weißt, was du tust.“, Kafei entschied sich dafür, ihm nur zuzuhören. „Ja – inzwischen sollte ich wissen, dass du schon längst erwachsen bist. Und ich will dir dein Glück wirklich nicht vergönnen. Auch werde ich dir nicht sagen, wie du das angehen sollst. Immerhin kennst du sie besser als ich, möchte ich meinen. Aber ich glaube behaupten zu dürfen, dass selbst du nicht weißt, wie sie auf so eine Nachricht reagieren wird. Ich rate dir nur, bring es ihr schonend bei – sofern das in diesem Fall überhaupt geht. Und tu es möglichst rasch. Je länger du es rauszögerst, desto schwieriger machst du die Lage für euch drei.“, er legte seinem Sohn die Hand auf die Wange. „Vielleicht hast du das Glück, in eine wesentlich tolerantere Generation hineingeboren worden zu sein. Dennoch bitte ich dich um Vorsicht. Du hast nur ein Herz. Es sollte nicht der Liebe wegen leiden müssen.“, Kafei nickte. „So. Jetzt aber.“, er tätschelte ihn dreimal kurz. „Ab ins Bett. Morgen wird ein harter Tag.“

  Vater. Ich bin kein Kind mehr.“, schmunzelte Kafei. „Wenn nicht wieder irgendein Unfall passiert, bin ich nur Bürgermeister. Ich muss einfach nur da sein und rechtzeitig meine Rede halten. Und komm bloß nicht auf die Idee, sie mir aus dem Kopf zu saugen. Sie bekommt erst morgen um Mitternacht ihre wahre Bedeutung.“, er gab ihm einen kleinen Kuss auf die Wange.

  Ach?“, fragte Dotour neckisch, als sein Sohn rückwärts zur Tür schlurfte.

  Ich warne dich!“, grinste Kafei. „Halt dich aus meinem Hirn raus. Und keine Sorge. Ich weiß, was ich tue.“

 

 

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