- Kapitel 20 -

Das Geschenk

   Er wurde durch ein Klopfen geweckt. Sehr unfreiwillig. Er hatte nicht darum gebeten, geweckt zu werden, doch vielleicht war es besser so, auch wenn er am liebsten die nächsten Tage durchgeschlafen hätte. Die letzten Wochen hatten ihn fertiger gemacht als alles andere zuvor. Gähnend rieb er sich die Augen. Es klopfte erneut.

 

   „Schon gut!“, raunte er laut genug, um auf der anderen Seite der schweren Holztür gehört zu werden. „Ich bin ja schon wach!“

 

   Von der Tür kam ein seltsames Geräusch, dann entfernten sich Schritte. Er wandte den Kopf zur Tür und sein Blick traf auf den Brief, der durchgeschoben worden war. Nachdem er sich noch einmal durchgestreckt hatte, ging er zur Tür, hob den Brief auf und fand noch einen Zettel dabei, der ihn darauf hinwies, dass das Frühstück gedeckt war. Kopfschüttelnd zerknüllte er das Papier und warf es gekonnt in den Korb neben seinem Schreibtisch, an den er sich sogleich setzte. Nicht ohne sich zuvor noch einmal die Augen zu reiben, drehte er den Brief um und erkannte sofort das Siegel. Es war zu erwarten gewesen. Sonst gab es ja niemanden, der ihm Briefe schrieb. Auch gab es außer ihnen niemanden, der Gründe dazu hatte. Mit noch etwas morgendlichem Ungeschick öffnete er das Siegel und zog den Brief aus dem Kuvert.

 

 

   Lieber Vaati

Uns geht es wie immer blendend. Du wirst sehen, die Goronen werden dich bald mögen. Wenn nicht, schicken wir dir Link. Er hat gleich angeboten, sie eigenhändig die Felsen hinunter zu ringen. Aber ich denke, sie werden sich beruhigen. Goronen sind nun einmal so. Zuerst machen sie einen Mordsradau und dann sind sie die besten Kumpel. Und es ist schön zu wissen, dass du zumindest Leonard auf deiner Seite hast.

   Link lässt fragen, ob du dich schon mit Thelma angefreundet hast. Er meint, wenn sie dich mag, mag dich auch der Rest der Hauptstadt. Solltest du probieren, wenn du nicht wieder vor Obst fliehen willst.

   Kafei rät dir zu Vorsicht gegenüber Zelda. Du solltest nichts überstürzen. Sie scheint dich sehr zu mögen. Vermassle dir das nicht, indem du zu offenherzig bist. Vergiss nicht. Sie steht noch immer auf Link. Deine Schilderungen haben das bestätigt.

   Und pass mit Zhani auf. Die Warnung kommt vom Held in Grün höchstpersönlich. Er rät dir, dich nicht von seinen Augen täuschen zu lassen. Er fragt sich noch immer, warum Zelda ihn nicht schon längst rausgeschmissen hat. Wahrscheinlich putzt er zu gut. Sogar so gut, dass man, laut Link, sehr lange braucht um zu bemerken, dass er Müll `entsorgt´, der gar kein Müll war, wenn du verstehst, was ich meine.

   Jedenfalls, wie immer die herzlichsten Grüße von allen. Auch von Romani und Cremia. Sie kommen allmählich über das Loch in ihrem Leben hinbweg. Ich auch, muss ich sagen. Anscheinend hat mich der Tod meines Vaters damals so abgehärtet, dass ich auch meine Schwester gehen lassen kann.

   Und noch etwas – wenn du alleine aus der Stadt reitest, versuch weite Bögen um die Vögel zu machen. Besonders in der Nacht solltest du Reisen in geringem Tempo möglichst meiden, auch wenn die Stimmung schön sein sollte.

   Der Neuaufbau ist übrigens fast beendet. Hier und da müssen noch kleinere Schäden behoben werden, aber ansonsten erstrahlt Termina wieder. Kafei kümmert sich wirklich um alles und jeden. Es wundert mich immer wieder, wie er dabei noch so viel Zeit für Link, mich und die Kinder hat. Aber ich bin mir sicher, dass auch er irgendwann ein paar Tage durchschlafen wird, weil er fix und fertig ist.

 

Liebe Grüße, auch an Zelda,

Anju samt Meute

 

 

   Ja, der Brief hatte ihm genau die Erkenntnis gebracht, die erwartet hatte. Nämlich keine. Nichts was er inzwischen nicht schon wusste beziehungsweise vermutet hatte. Sorgfältig gab er ihn in die Mappe zu den anderen und sperrte sie wieder in ihrer Schublade ein. Wie jeden Morgen kämpfte er mit der Kleiderwahl. Zelda hatte ihm einen enormen Vorschuss gegeben. Zwar wollte sie es als Geschenk ansehen, doch er hatte sich in den Kopf gesetzt, ihr alles zurück zu zahlen. Den größten Teil dieses Vorschusses hatte er in Kleidung, ein Fernglas und einen Photoapparat investiert. Ein anderer Teil wartete noch auf mehr, damit er bald unabhängig von den Waffen der Kaserne war.

   Die Güte der Minish auszunützen war nicht einfach, selbst wenn einem der Wind gehorchte. Es war anstrengend. Gras umzuschneiden war wesentlich einfacher als die Luft um jedes Büschel zu konzentrieren. Doch noch einfacher würde es mit einem ordentlichen Schwert sein, wenn er erst einmal so weit war, auch besser mit solch einer Waffe umgehen zu können. Von Link’s Talent war er noch meilenweit entfernt und dass man ihm sein goldenes Schwert, das er von Onnoru bekommen hatte, gestohlen hatte, trug auch nicht unbedingt zur Besserung bei.

   Er hielt nichts von den derzeitigen Modestilen in Hyrule. Zu seinem Glück gab es in der Stadt noch ein Geschäft, das edlere Kleidung verkaufte. Diese hatte zwar ihren Preis, doch immerhin konnte er im Schloss ja nicht wie irgendein dahergelaufener Bürger umherstreifen. Außerhalb versuchte er zumindest einen Kompromiss einzugehen.

   Schlussendlich hatte er was er brauchte, sperrte die Tür auf, ging hinaus, sperrte wieder ab und verstaute seinen Schlüsselbund wieder im Medaillon, das er von Kafei bekommen hatte. Er war froh, dass er es hatte. Erst recht mit einem Langfinger als Reinigungskraft. Wie gewohnt, drehten sich ihm die Köpfe der Wachen kaum merklich nach. Zumindest war dies ein Beweis, dass sie nicht stehend schliefen. Es wunderte ihn nicht, dass diese Wachen nicht die mutigsten Männer Hyrules waren. Sie standen den ganzen Tag nur herum und bewachten Türen. Mit dem üblichen Schmunzeln und Handschlenker öffnete er das Tor zum Speisesaal. Die Stimmung beim Frühstück war natürlich wie immer träge. Nur Zelda und Aris versuchten verzweifelt sie zu heben, was ihnen wie üblich nicht gelang.

   So spät wie er gekommen war, verließ Vaati den Saal wieder. Schnellen Schrittes ging er zu den Ställen. Er hätte sich teleportieren können, doch wollte er die Pferde nicht unnötig erschrecken. Sruna begrüßte ihn, wenn auch etwas mutlos. Sie war genau so müde wie er. Vorbei an weiteren Wachen verließ er das Schloss durch den nördlichen Geheimgang in die Ebenen. Ziellos. Einfach nur hinaus in die Natur. Schon nach äußerts wenigen Huftritten stand er vor der ersten Entscheidung. Osten oder Westen? Oder gar Norden? Sollte er die Zoras besuchen gehen? Sie hatten sich ja als wesentlich toleranter herausgestellt als die Goronen. Auch war der kleine Ralis so begeistert von Vaati’s Aussehen. Vielleicht sollte er tatsächlich den jungen Regenten besuchen. Er hatte sogar noch weniger Freunde als Vaati selbst.

   Er war schon fast beim Eingang des Höhlensystems angelangt, als ein Blitzen am Horizont seine Aufmerksamkeit erregte. Sich nicht sicher, verharrte sein Blick an der Stelle. Da war es wieder. Der Richtung nach zu schließen kam es vom Hyliasee. Doch oberhalb. Irgendetwas war dort in der Luft.

   Ralis war mit einem Mal vergessen. Er riss Sruna herum und ritt in vollem Galopp südwestlich zur Schlucht in Richtung Hyliabrücke.

   Nach langem Ritt kam das kolossale Bauwerk endlich zum Vorschein. Die Renovierungsarbeiten waren noch nicht abgeschlossen. Diese Bulblins hatten die Brücke übel zugerichtet und sie war aus Sicherheitsgründen gesperrt. Durchlass gab es nur nach erteilter Erlaubnis, sprich, wenn der Bauleiter allen zu verstehen gab, zu unterbrechen, damit Lieferungen problemlos passieren konnten. Vaati ritt in Richtung Abgang zum See. Auf halber Strecke zum Haus machte er Halt und sah sich nach der Ursache für das zuvor von ihm entdeckte Phänomen um. Von den Bauarbeiten kam es nicht. Nach wenigen Augenblicken hatte er es erneut entdeckt: Es schwebte über dem See.

   Vaati holte sein Fernglas aus seinem Medaillon und betrachtete das seltsame Glitzern genauer. Eigentlich war es kein wirkliches Glitzern. Es war dunkel und schien sich zu bewegen. Wie ein Schwarm kleiner Vögel. Was genau es war, konnte er nicht erkennen. Bedacht stieg er auf der Seite von Sruna ab, die den Arbeitern abgewandt war. Er machte sich unsichtbar, stieß sich vom Boden ab und schwebte auf das seltsame Gebilde zu. Eine Weile lang starrte er es nur fasziniert an. Sein Gehirn schien jede Art von Verstand ausgeschalten zu haben. Dann traf es ihn genau so schnell wie sein erstes Wahrnehmen des Schimmerns. Seine Verblüfftheit wich einer jähen Panik. Er verstaute das Fernglas, holte seinen Photoapparat heraus, drückte mehrmals ab und teleportierte sich ohne Rücksicht auf Sruna ins Schloss zurück.

   Völlig entgeistert stand er noch immer unsichtbar in der Eingangshalle. Was sollte er tun? Er war sich nicht sicher, ob es wirklich das gewesen war, wofür er es gehalten hatte. Sollte er es Zelda sagen? Er musste es ihr sagen. Oder doch nicht? Nein. Er wollte sich ganz sicher sein. Sofort teleportierte er sich auf sein Zimmer, holte die Photographien aus einem der zwei Fächer der Sofortbildkamera und erschrak leicht, da er bemerkte, dass er noch unsichtbar war. Kaum waren seine Hände sichtbar, legte er die Photographien auf dem Schreibtisch auf und betrachtete sie. Kein Zweifel. Es waren – aber warum über dem Hyliasee? Zufall? Warum überhaupt? Was hatte das zu bedeuten? Hastig stapelte er die Blätter, konzentrierte sich auf Zelda und teleportierte sich ohne weiter nachzudenken zu ihr.

   Um Luft ringend prustete sie in ihr Waschbecken, als Vaati’s Spiegelbild neben ihrem aufgetaucht war. Dieser, sich seiner Tat bewusst, schämte sich in Grund und Boden.

 

   „Bitte verzeiht mir, Hoh- äh – Zelda.“, jammerte er, Wärme in sein Gesicht steigen spürend.

   „Schon – in – Ordnung.“, spuckte sie die restliche Zahnpaste mithilfe von Wasser aus und holte einmal tief Luft. „Was ist denn los? Ist etwas passiert?“

   „Ich – ähm – nichts – ich – “, war er wirklich so feige? „Habe mich im Raum geirrt.“

   „Oh! Ja. Das passiert mir auch manchmal. Hin und wieder bin ich so gedankenverloren, wenn ich mich teleportiere, dass ich nicht dort lande, wo ich hin wollte. Meistens ist es aber ein Ort, der durchaus Parallelen zu meinem Wunschziel aufweist. Ich nehme an, du wolltest auf die Toilette?“

   „Ja!“, log Vaati, bemerkte aber augenblicklich, dass er doch irgendwie musste. „Ich – werde dann wohl – “

   „Du kannst ruhig meine hier benutzen. Ich drehe mich so lange um.“

   „Das – also – na gut.“, seufzte er. „Danke.“

 

   Dieses Lächeln, das sie ihm entgegenwarf – es schien ihm fast so als wollte sie, dass er ihre Toilette benutzte. Sie griff jedoch nach ihrer Bürste, drehte sich um und begann, ihre Haare umzugestalten. Etwas hektisch zog Vaati seine Hosen herunter und setzte sich. Gebannt beobachtete er, wie die Bürste durch ihre wunderschönen, blonden Haare fuhr. Sie waren nicht einheitlich blond. Es waren viele Nuancen von Dunkelblond bis Hellblond. Er war so froh, dass er es bevorzugte, sein Geschäft im Sitzen zu verrichten.

   Onnoru hatte ihn einst in eine ähnliche Situation verwickelt. Er hoffte nur, das Zelda nicht auch noch begann, wie Onnoru damals, sich umzuziehen. Er hatte ganze fünf Minuten alleine länger sitzen bleiben müssen, mit dem Vorwand, dass sich nicht nur seine Blase entleeren wollte. Was auch gestimmt hatte, jedoch nicht das, was Onnoru daraufhin angenommen hatte. Wenn ihm das nun auch noch mit Zelda passierte – aber diese flocht sich nur einen aufwändigen Zopf und verließ ihr Bad hinaus in ihre Gemächer. Doch etwas erleichtert beendete Vaati sein Geschäft, wusch sich die Hände und; nach einem kurzen Blick zur Tür hinaus, in der niemand zu sehen war; trocknete diese voll Entzücken mit Zelda’s Handtuch. Er wollte sich schon hinaus teleportieren, als Zelda’s Stimme von draußen hereintönte.

 

   „Wenn du noch da bist – könntest du mir vielleicht einen Augenblick zur Hand gehen?“, er überlegte kurz.

   „Gewiss.“

 

   Sich unnötig fragend, wobei sie seine Hilfe brauchte, betrat er den großen, übermäßig kitschigen Raum. Im Grunde war die Ausstattung prunkvoll, mit vielen goldenen Elementen, aber hauptsächlich war sie rosa. Sehr rosa sogar.

 

   „Ich kann mich einfach nicht entscheiden. Ich möchte heute nach Kakariko reiten. Mich mit den Menschen und Goronen dort austauschen. Was meinst du? Welches von den beiden soll ich anziehen? Du scheinst mir ein Gespür für adäquate Kleidung zu haben.“

 

   Vaati traute seinen Ohren nicht. Zelda – Prinzessin Zelda – fragte ihn, was sie für einen Ausflug anziehen sollte? Woher sollte er denn wissen, welches der beiden Kleider einen Ritt nach Kakariko überlebte? Außerdem – warum wollte sie überhaupt hinreiten, wo sie sich doch teleportieren konnte? Zumindest hatte sie zwei schlichte Kleider mit dezenteren Farben ausgesucht. Er hatte sie noch nie in dunklen Farben gesehen. Alles was sie bis jetzt getragen hatte, war in Pastelltönen gewesen. Nur manchmal waren Elemente von dunklerem – rosa – dabeigewesen. Das Kleid in ihrer linken Hand war blutrot und hatte dunkelblaue Einnäher in den Falten des Rockes und der leicht wirkenden Trompetenärmel. Vorne war es mit dunkelblauen Bändern geschnürt. Ein weiteres dunkelblaues Band hing um den Haken, von dem er vermutete, dass es um die Taille zu binden war. Das andere Kleid schien durch sein Ocker bäuerlich, obwohl es aus Samt war. Es war ärmellos, stattdessen hielt sie aber eine zartgrüne Bluse mit Rüschenärmeln dazu. Eigentlich musste er nicht lange überlegen.

 

   „Das Rote.“

   „Ja? Hm. Ja. Es ist weiter und bequemer beim Reiten. Vor allem kann ich es anpassen. Gut. Danke. Ähm – du müsstest mir aber beim Schnüren helfen. Vorne geht es schon. Aber hinten komme ich nicht heran. Natürlich nur, wenn es dir nichts ausmacht. Ich kann auch mein Zimmermädchen rufen.“

   „Äh – ich – würde – mich geehrt fühlen.“, was war das nun?

   „Danke.“

 

   Sie lächelte ihn erneut an, legte das rot-blaue Kleid auf ihr Himmelbett, hängte die anderen beiden Dinge in den Schrank zurück und – begann doch tatsächlich, sich auszuziehen. Er wollte schon zurück ins Badezimmer flüchten, war aber zu perplex um sich bewegen zu können. Tat sie das absichtlich oder war es ihr einfach egal, dass er sie in Unterwäsche sah? Sie legte ihr schlichtes weißes Kleid neben das andere. Vaati versuchte angestrengt weg zu sehen, oder zumindest auf ihre Beine. Doch plötzlich war auch das irrelevant, da sie rote Unterwäsche aus ihrem Schrank holte. Nein, es war nur ein rotes Höschen. Hinter ihrem Rücken biss sich Vaati so sehr auf die Lippen, dass er hoffte, nicht zu bluten zu beginnen.

   Eigentlich hätte er sich ja privilegiert fühlen müssen, die wichtigsten Regenten des Kontinents der letzten Jahrzehnte nackt gesehen haben zu dürfen. Aber schon langsam war ihm das sehr suspekt. An Onnoru hatte er sogar seine Unschuld verloren. Anju war zwar für ihn nicht mehr als eine gute Freundin, aber in ihren Mann war er sehr wohl eine Zeit lang verliebt gewesen. Und jetzt entblößte sich auch noch die Prinzessin von Hyrule vor ihm. Jedoch steckte sie schon im Kleid, bevor er überhaupt mit seinen Überlegungen fertig werden konnte. Und schon legte sie den Zopf über die Schulter und drehte den Kopf zu ihm um. Glücklicherweise sagte sie ihm, wo er mehr und wo er weniger fest anziehen sollte.

 

   „Ich danke dir. Hast du heute schon etwas vor?“

   „Ihr wollt mich doch nicht etwa mitnehmen?“

   „Wie oft denn noch? Du musst mich nicht förmlich ansprechen, wenn wir alleine sind. Vater und Impa waren im Privaten auch nicht förmlich. Zwar hat sie die Rolle meiner Mutter übernommen und sich um mich gekümmert, aber zwischen ihnen ist nichts gelaufen. Dennoch waren sie Freunde. Nun bist du mein Berater. Du bist der einzige Freund, den ich habe.“, nun wurde Vaati ernsthaft rot.

   „Natürlich. Und – du – weißt hoffentlich, dass ich nichts dagegen habe – äh – dich – zu begleiten?“

   „Ich weiß. Und danke. Ich wusste gar nicht, dass du so süß sein kannst. Ich kann gar nicht glauben, dass du mich einmal versteinert und mehrmals entführt hast. Tut mir leid.“, kicherte sie. „Willst du dich auch umziehen?“

   „Du musst dich nicht entschuldigen. Und – nein.“

   „Schön.“

 

 

~o~0~O~0~o~

 

 

   Es klopfte. Esra klopfte doch nie. Auch war es viel zu früh. Sie kam nie vor Mitternacht zurück. Zudem wurde seine Antwort nicht abgewartet. So konnte er gerade noch das Buch in der untersten Lade seines Nachtkästchens verstauen. Etwas zögernd lugte Link, bereits im Pyjama, herein. Er lächelte mit geschlossenen Lippen, als er Dotour auf dem Bett sitzen sah.

 

   „Oh. Du bist es. Ich habe mich schon gefragt, wer das wohl sein könnte. Was brauchst du?“

   „Esra ist nicht hier? Wo ist sie?“

   „In der Bar.“

   „Hm. Ja. Logisch.“

   „Logisch.“, gluckste Dotour bedrückt. „Ja.“

   „Darf ich reinkommen?“

   „Natürlich.“

   „Ich hoffe, ich hab dich bei nichts gestört.“, meinte Link, trat ein und schloss die Tür hinter sich.

   „Nein. Ich – hab nur – “, er seufzte tief, „In Erinnerungen geschwelgt.“

   „Lass hören.“, er setzte sich zu ihm aufs Bett und Dotour holte das querformatige Buch wieder heraus. „Photos?“

   „Ja. Ich glaube, es wäre gut, wenn du auch weißt, woher Kafei sein gutes Aussehen hat.“

   „Hallo? Fang bloß nicht wieder an, dich selbst runter zu machen.“

   „Und du fang bloß nicht wieder an, mir zu schmeicheln.“

   „Ist sie das? Natürlich. Wieso frag ich. Sie sehen sich zum Verwechseln ähnlich.“

   „Das tun sie. Das haben sie immer. Ich habe zwar leider keine früheren Photos, da es damals so etwas noch nicht gegeben hat, aber sie haben auch als Kinder gleich ausgesehen. Das hier war einer unserer schönsten Tage.“

 

   Es war eine Schwarzweißphotographie. Eine bildhübsche Frau hing glücklichst lächelnd über die Schultern eines ebenso lächelnden, wesentlich jüngeren Dotour. Im Hintergrund war die Untergehende Sonne und ein Streifen glitzernden Meeres. Seiner Haltung nach zu urteilen, hatte Dotour selbst abgedrückt. Er trug die Haare genau so offen wie seit der Invasion, hatte einen etwas kürzeren Bart und Ohrringe. Link drehte den Kopf zur Seite. Tatsächlich konnte er eine kleine Narbe an Dotour’s linkem Ohrläppchen sehen. Offenbar waren die Löcher zugewachsen, nachdem er die Ringe lange nicht mehr getragen hatte.

 

   „Ja, du hast richtig gesehen.“, sagte Dotour, ohne den Blick vom Bild zu nehmen. „Ich habe sie rausgenommen als ich Esra geheiratet habe. Ich wollte das Kapitel abschließen. Aber Liebe kann man nicht einfach – in eine Schublade stecken und vergessen. Dieser Tag – “, Link betrachtete das nächste Photo, auf dem Ajrini aus einer Kokosnuss trank, „Das war unser fünfundfünfzigster Hochzeitstag.“

   „Was? Ihr seht aus wie Dreißig!“, Dotour schmunzelte nur.

   „Jetzt weißt du zumindest, wie lange Kafei so aussehen wird wie jetzt. In dieser Nacht haben wir ihn gezeugt. Und es war ganz sicher diese Nacht. Sie wusste es nämlich und wir haben gesagt, wenn nicht jetzt, dann nie mehr. Und wir wollten unbedingt ein Kind. Nach all den Jahren wollten wir ein Kind. Wir waren am Ende doch größenwahnsinnig, was unser Glück betroffen hat. Wir waren immer glücklich gewesen. Bis zu ihrem Tod.“, seine Augen wurden glasig und er drehte den Kopf von Link weg, der seinen rechten Arm um ihn legte. „Das – “, er blätterte etwas weiter, „War – naja. Du siehst ja selbst.“

 

   Beide hatten ihre Bäuche entblößt und standen kindisch dumm grinsend nebeneinander. Dotour streckte seinen Bauch genau so kugelrund heraus, wie Ajrini’s natürlich war.

 

   „Da war sie im sechsten Monat. Das Photo hat Ydin gemacht. Sie war auch bei der Geburt dabei. Hier. Das war kurz danach.“

 

   Eine verschwitzte, zerzauste, erschöpft lächelnde Ajrini lehnte in Dotour’s Armen. In ihren hielt sie ein Stoffbündel, aus dem zwei winzige Hände, eine Stupsnase, müde halb geschlossene Augen und verklebte dunkle Haare herauslugten.

 

   „Er hat von Anfang an so dichtes Haar gehabt. Und diese Nase hat er behalten. Ihre Nase. Ihre süße, kalte Nase. Ja, ihre war auch meistens kalt. Er hat so viel von ihr. Sie lebt fast zur Gänze in ihm weiter. Wenn sie nicht schwarze Haare gehabt hätte, könnte man gar nicht glauben, dass er mein Sohn ist.“

   „Ihr habt mehr gemeinsam, als du denkst.“

   „Vermutlich. Ja. Vielleicht fällt es mir nur nicht auf, da sie so präsent ist.“, sie hatten mehrere Seiten überblättert, auf denen Kafei immer älter geworden war. „Und auch das hat er beibehalten. Seine beste Freundin. Da waren sie vier Jahre alt. Sie haben sich etwa ein Monat lang gekannt.“

 

   Der kleine Kafei lag auf dem Bauch mitten am Ostplatz und kritzelte mit einer Kreide die Pflastersteine voll. Ihm gegenüber lag ein Mädchen mit auf dem Photo in etwa gleich dunklen Haaren. Neben ihr im Hintergrund kniete ein zweites Mädchen, das wie ihre Kopie aussah. Es waren unverkennbar die beiden Anjus.

 

   „Sorrei hat sie so ausgelacht, als sie am nächsten Tag total wütend waren, weil es in der Nacht geregnet hatte und nichts mehr von ihrem Kunstwerk übrig war.“

 

   Auf der nächsten Seite fand Link ein Bild, das ihn überraschte. Es war in der Thronhalle in Schloss Ikana aufgenommen worden. Kafei saß, ein dickes Buch auf den Beinen ruhend, im Schoß eines Mannes, der ihm offensichtlich vorlas. Link erkannte die markanten Gesichtszüge und die zu beiden Seiten jeweils zwei seltsamen, hornförmigen Büschel Bartes. Auf seinem Kopf trug er das übliche, utopische Gebilde in Form eines jungen Mondes. So wie er dort saß, Kafei schützend festhaltend, so voller Liebe und Fürsorge – es war ein ganz anderer Igos als Link ihn kannte. Es war ganz anders als das, was er erzählt bekommen hatte und auch das was er persönlich von ihm kennen lernen hatte dürfen. Auf dem Bild schräg darunter knieten er, Kafei und Ajrini mit verschränkten Armen. Ihre Haare standen kerzengerade in die Höhe. Erst das ließ Link den Ast bemerken. Das Photo klebte umgedreht.

 

   „Ja, das war er. König Igos der Zweite von Ikana, brutaler und kaltblütiger Mörder, liebender Großonkel sowie Urgroßonkel – und Spaßvogel der Nation. Der Widerspruch in Person.“

   „Das glaube ich gerne. Aber er hat verdammt gut ausgesehen.“

   „Ja. Ein Frauenschwarm, trotz allem. Er hatte viele Frauen. Aber nie eine ernsthafte Beziehung und auch keine Kinder. Wenn er es geschafft hätte, wäre keine Frau so dumm gewesen und hätte ihm das Kind nicht angedreht. Dafür hat er Kafei umso mehr geliebt.“, mit einem wehmütigen Lächeln blätterte Dotour weiter.

   „Und das hat er auch nicht aufgegeben.“, schmunzelte Link, da er Kafei in einem sehr mädchenhaften Kleid entdeckt hatte, beim Ballspielen. „Ist das – äh – Sirileij?“

   „Gut geraten. Das hier – “, er deutete auf den Jungen der beim Versuch den Ball zu bekommen, fast Anju umrempelte, „Ist Toru. Und das dort hinten – “, weiter entfernt saß ein etwas unscharfer, mehr schwarzer als weißer Fleck an den Baum gekauert, „Ist Nérimlath. Er hat sie immer beobachtet. Aber sie haben nie miteinander gesprochen. Wenn er nicht ab und an ein paar Kinder beschimpft hätte, hätten wir nicht geglaubt, dass er sprechen kann. Da hat Kafei sein erstes Schwert bekommen und da seinen ersten Bogen.“, auf beiden Bildern versuchten Dotour, Ajrini und auch Igos Kafei irgendetwas beizubringen, das er schon zu können schien. „Das hier ist eines der wenigen Bilder von uns vier zusammen. Ich denke, du siehst, dass es ein offizielles Portrait ist.“

   „Oh ja. Ziemlich gestellt und kalt.“

   „Wenn wir auch im Grunde nicht damit einverstanden waren, da es in Ikana zuvor nie königliche Portraits gegeben hatte.“, Dotour saß auf einem Stuhl, vom Betrachter aus gesehen links von ihm lehnte sich Kafei an ihn, die Hände um die Schultern seines Vaters gelegt, Ajrini stand auf der anderen Seite und Igos ganz rechts im Bild.

   „Mir war an diesem Tag ziemlich übel. Deshalb sitze ich. In Ikana ist es üblich, dass der König nur auf Einzeldarstellungen sitzt. Dabei handelt es sich aber stets um Steinmalereien. Das war auch das einzige dieser Art.“, er blätterte weiter.

   „Meine Güte! Er hat das ja wirklich schon immer gemacht.“, lachte Link, als er Kafei mitten auf der flachen Schlossmauer hängen sah, der sich mit einer Hand und einem schuhlosen Fuß festhielt und breit grinsend hinunterwinkte.

   „Ja. Gemacht hat er das zwar schon früher, aber da war er neun Jahre alt. Es war das letzte Bild in Ikana. Noch in der selben Nacht – “, er atmete kurz durch, „Nach Ajrini’s Tod hat er diese Dinge aufgegeben. Er hat sich zu einem völlig normalen Städter abgestumpft. Er war der zurückhaltende, einsame, schlicht noble Sohn des Bürgermeisters. Ohne blaue Haare und rote Augen wäre er nicht aufgefallen. Er hatte keine Freunde mehr, ist bei den Bombern ausgetreten und hat die meiste Zeit am Waschplatz verbracht. Allein oder mit Anju. Sie war eine der wenigen, die er an sich heran gelassen hat. In dieser Zeit hat er von Ilano diese Keatonmaske bekommen. Er hat gemeint, dass die Farbe der Sonne und die Weisheit der Keaton ihm vielleicht Trost spenden würden.“

   „Ein schöner Gedankengang.“

   „Ich denke, es war insgeheim eine Standpauke nach dem Motto `wenn du dich schon verstecken musst, dann mach es ordentlich´. Aber ja. Er war kaum noch zu Hause, da wir Rim bei uns aufgenommen haben. Sie haben sich sein Bett geteilt, weil Kafei nicht wollte, dass er im Bett seiner Mutter schläft. Irgendwann sind sie einander gegenüber aufgeschlossener geworden und haben angefangen, sich gegenseitig aufzumuntern. Da hatte ich noch keine Ahnung, dass Rim’s Eltern nicht beim Angriff ums Leben gekommen waren, sondern er sie schon ein paar Tage zuvor getötet hatte. Sie waren ja nur selten außer Haus gegangen. Jedenfalls haben wir dann Ajrini’s Bett auf den Dachboden geräumt. Als Esra und ich zusammen gekommen sind, haben wir ein neues anfertigen lassen. Nun schläft Taya im Bett ihrer Großmutter.

Hier sind wir drei Jahre später. Kafei und Anju waren wieder so glücklich. Sie waren ein frisch verliebtes Paar und haben alles getan, um Anidja zur Weißglut zu bringen. So oft wie in ihrem ersten Jahr zusammen, hatte ich nie wieder mit Anju’s Mutter zu tun. Sie haben sich damals schon geschworen, dass sie wenn sie erwachsen sind, heiraten werden. Natürlich denkt man in so einem Alter, dass sie einfach nur in die Pubertät gestolpert sind. Aber wie man sieht, diese frühe Jugendliebe hat gehalten und hält noch immer. Kafei war fast wieder so glücklich wie vor dem Tod seiner Mutter. Einzig Rim konnte ihn ernst stimmen. Der Junge hat uns ständig beschäftigt. Als er uns dann auch noch die volle Wahrheit seiner Geheimnisse erzählt hat – sagen wir, wir sind beide zu heimlichen Therapeuten geworden.“

   „Wann war das? Karneval, ja. Aber – sie müssen ungefähr so alt gewesen sein wie ich jetzt, oder?“

   „Ja. Sie waren siebzehn. Es war ihm so egal, dass er laut Hylianischem Gesetz wegen ihr noch vier Jahre warten hätte müssen. Wir haben sogar das Feuerwerk um fünf Minuten verzögern müssen, weil er meine Rede verlängert hat. Er hat die wohl rührendste Ansprache gehalten, die ich je gehört habe und ihr vor dem gesamten Land den Antrag gemacht.“

   „Wirklich?“, hauchte Link ungläubig.

   „Ja. Und ich weiß es nicht, weil ich es nicht wissen will, aber ich denke, in dieser Nacht haben sie auch ihre Jungfräulichkeit verloren. Und dann hat Anidja etwas getan, das sie ihr nie verziehen haben. Es war unverzeihlicher als alle Toten, die Igos zu verschulden hat, zusammen. Auch Mutoh hat ihr nie verziehen, dass sie ihm ihren gemeinsamen Sohn weggenommen hat. Noch dazu wo er diese schwere Krankheit hatte. Sie hat bis nach dem Karneval gewartet. So lange bis wieder Ruhe in der Stadt eingekehrt war. Dann hat sie den Kindern Schlafmittel verabreicht und sie ihrem Mann mitgegeben, der mitten in der Nacht nach Kakariko gefahren ist. Sie hat alles so dargestellt, als hätte er sie entführt. Auch drei Jahre später, als Anila es endlich geschafft hatte, ihn dazu zu bringen, mit ihr mit nach Hause zu kommen. Sie hat sämtliche Briefe der beiden abgefangen und vernichtet. Anju hat geglaubt, Kafei hätte sie im Stich gelassen. Dabei hat er jede Woche eine Brieftaube losgeschickt. Anidja hat sie immer abgepasst. Wenn diese Frau in etwas gut war, dann darin, Leuten das Leben zu versauen und im Bogenschießen.“

   „Und Kafei?“

   „Kafei hat sie immer verdächtigt. Aber er war zu angeekelt von ihr. Er hat aus Prinzip ihre Erinnerungen nicht angerührt. Er hat sie wie eine Seuche behandelt. Bloß kein Kontakt. So abweisend war er nie auch nur irgendjemandem sonst gegenüber. Er hat sie gehasst. Er hat sie wirklich gehasst. Und er hatte alle Gründe dazu. Nur sie leider keine gerechtfertigten. Und ich denke, eben genau deshalb hat er sie gehasst. Er hat versucht, sich mit seinen wiedergefundenen Freunden abzulenken.“

   „Karten?“

   „Ja.“, seufzte Dotour. „Eine der wenigen Verrücktheiten, die ich zu verschulden habe.“

   „Oh!“, lachte Link da sie Photos erreicht hatten, auf denen auch er zu sehen war.

   „Ja, da wären wir.“, lächelte Dotour wieder.

   „Die sind ja sogar ganz toll geworden.“

   „Ach ja. Du hast sie nie gesehen.“

   „Nein. Meine Güte war ich da klein.“

   „Ja. Du bist ziemlich gewachsen.“

   „Nein. Oh nein! Das – das hat Romani gemacht. Ich hätte sie erschlagen können.“

   „Das sieht man.“, er zog eines unter dem halb eingeklebten Bild hervor.

   „Nein!“, jammerte Link. „Tu das wieder weg!“

   „Sch! Nicht so laut.“, kicherte Dotour.

   „Ja. Sonst kommt noch jemand und dann sehen es alle.“

   „Es kennen ohnehin alle.“

   „Vernichte es.“, jammerte Link noch flehender.

   „Nein. Dieser Blick spricht Bände. Er spiegelt so richtig sämtliche deiner Gefühle für Romani wieder.“

   „Und wie. Oh. Mein letzter Auftritt als falscher Mikau.“

   „Ja. Zu schade, dass du nur zwei Lieder gespielt hast.“

   „Ich kannte nicht mehr.“, gluckste Link.

   „Aber die hier sind richtig süß geworden.“

   „Hilfe! Wer hat diesen Moment festgehalten?“

 

   Ein Photo zeigte Kafei vor dem Rathaus auf dem Rücken liegend. Er hielt Link, der seinen Armen vollkommen vertraut hatte, hoch über sich in die Luft. Beide grinsten bis über beide Ohren. Auf dem Bild daneben hatte er ihn auf seinen Bauch herunter gelassen und sie drückten ihre Nasen aneinander.

 

   „In diesem Moment hat Anju gesagt, dass er der perfekte Vater für ihre zukünftigen Kinder sein würde.“

   „Und zu mir hat er gesagt, dass wenn ich nicht sein Trauzeuge wäre, er mich spätestens jetzt adoptiert hätte.“, lächelte Link nostalgisch.

   „Wirklich?“

   „Ja. Gut, dass er mich zu seinem Trauzeugen gemacht hat.“, eine kurze Pause – und beide brachen in wildes Kichern aus. „Ist doch wahr.“, beruhigte Link sich wieder. „Wenn wir auch damals keine Ahnung hatten und ich vielleicht dazu eher ja gesagt hätte, heute weiß ich, dass es gut war, dass er mich nicht adoptiert hat.“, er lächelte wehmütig. „Es ist viel passiert, aber ich denke, es musste passieren, damit wir so glücklich sind wie jetzt.“

   „Es hat alles einen Grund.“, nickte Dotour. „Wenn ich auch nicht glauben will, dass Ajrini’s Tod einen guten Grund hatte. Es ist so unfair, dass sie all das nicht erleben hat dürfen. Aber ich schätze, dann wäre alles ganz anders gekommen.“

   „Ja. Ganz bestimmt sogar. Zelda hätte keinen Grund gehabt, mich nach Termina zu schicken. Sieh es so. Das tue ich zumindest. Ich weiß, ich habe sie nicht gekannt. Aber ich kenne Kafei. Und wenn sie so war wie er, dann hatte sie es nicht verdient. Aber wenn unsere Zeit vorüber ist, ist sie vorüber. Wie, ist doch egal. Wenn unsere Aufgabe getan ist, gehen wir. Oder warum denkst du, bin ich noch hier? Meine erste große Chance zu sterben hatte ich mit drei Jahren. Und ich bin auch oft gestorben. Sehr oft. Aber ich lebe noch. Ich denke, das spricht doch so gut für sich, wie diese grauenhafte Fratze, die Romani festgehalten hat.“

 

   Dotour schnaubte mit einem Lächeln, den Blick auf den Bildern von Anju’s erster Schwangerschaft und Taya’s ersten zwei Jahren. Dann kam auch schon die zweite Schwangerschaft, viele Kinderphotos und schließlich ein paar Bilder die, von Link unbemerkt, während besagtem Karnevals-Abend gemacht worden waren. Er war der Wissenschaft richtig dankbar, dass sie bereits in Farbe waren. So gab es ein wunderschönes Bild von ihrem ersten Kuss in der Öffentlichkeit. Wenn auch ein Außenstehender nicht wirklich erkannte, dass sie es waren. Ein paar kleine und große historische Momente im Jahr danach wie Geburtstage oder die Krönung und schließlich ein Schnappschuss aus einiger Entfernung bei Link’s Rückkehr nach Ikana. Dann die Feier und die Aufbauarbeiten nach der Rückeroberung und fast am Ende des Buches ein ganzseitiges Photo. Es zeigte die ganze Familie mit ihrem engen Freundeskreis. Ein Soldat hatte es vor Vaati’s Abreise nach Hyrule gemacht. Es hatte ewig gedauert, sie alle richtig ins Bild zu bekommen, aber es hatte sich gelohnt.

 

   „Der krönende Abschluss.“, lächelte Dotour, schloss das geschichtsträchtige Buch und legte nun seinen Arm um Link.

   „Wohl war. Der Anfang eines neuen Buches.“, lächelte auch Link und sah ihm in die Augen.

   „Ja – das kann man so sagen.“, nickte Dotour und legte das Buch wieder an seinen angestammten Geheimplatz. „Und? Warum bist du zu mir gekommen?“, Link lachte, da er das beinahe vergessen hatte.

   „Die beiden wollten einmal alleine sein.“

   „Und du nicht.“

   „Nein. Ich wollte nicht ins Gästezimmer. Und die Kinder wären mir heute Nacht eine zu junge Gesellschaft gewesen.“

   „Da dachtest du, du stattest einem alten, einsamen Mann einen Besuch ab?“, er stand auf und legte Holz im Kamin nach.

   „Wie wäre es stattdessen mit, jemandem der für mich eine Art Vater geworden ist?“, lächelte Link sanft und Dotour drehte sich perplex zu ihm um. „Sieh mich nicht so an.“, sagte Link, ging auf ihn zu, küsste ihm auf die Stirn und schloss ihn in die Arme. „Das ist die Wahrheit.“

 

   Nach einigen Sekunden legte auch Dotour seine Arme um Link, still weinend. Doch Link merkte es und drückte ihn fester an sich. Sie lösten ihre Umarmung erst als Dotour’s Tränen fast vergangen waren.

 

   „Ähm – falls Esra doch noch – “

   „Natürlich darfst du dich auf der anderen Seite in mein Bett quetschen.“

   „Danke.“

   „Keine Ursache – mein Sohn.“

   „Du machst dich über mich lustig. Ich hab es ernst gemeint.“

   „Ich meine es auch ernst.“, nickte Dotour und legte ihm die rechte Hand auf die linke Wange, wobei Link leicht erschrak.

   „Deine Hand ist ja eiskalt!“, hauchte er mit großen Augen und Dotour zog sie wieder weg.

   „Tut mir leid.“

   „Nicht doch.“

 

   Link griff wieder danach, auch nach der anderen Hand. Dotour sah ihm zu, wie er die Finger rieb und anhauchte. Sie fest haltend, sah er ihn von leicht unten herauf an.

 

   „Kafei hat Recht. Du bist wirklich süß.“

 

   Er stupste mit einem Daumen Link’s Nase und dieser vergrub kichernd das Gesicht in den zusammengeballten Händen. Dotour löste seine Hände aus Link’s und zog den jungen Mann wieder in seine Arme. Sie drückten sich noch einmal kurz aber fest und Dotour streichelte Link’s Oberarme bevor sie die Umarmung endgültig lösten.

 

   „Komm. Lass uns schlafen gehen.“, lächelte er und ging zu seinem Bett, wo er den Schlafanzug unter dem Kissen hervorholte.

   „Weißt du, mir fällt gerade ein, dass ich dich noch nie nackt gesehen hab.“, überlegte Link.

   „Na dann viel Spaß bei der Premiere.“, schmunzelte Dotour und zog sein Wams aus.

   „Wie darf ich das verstehen? Gibt es doch noch mehr, was du Kafei vererbt hast?“

   „In diesem Fall wäre es wohl kein Spaß.“, er drehte sich zu ihm. „Und ich meinte das ohnehin ironisch.“

 

   Er öffnete die Knöpfe seines weißen Hemdes und bestätigte Link etwas, das bereits sein Zora-Kostüm angedeutet hatte. Er war sehr gut gebaut. Die blauen Haare auf seiner Brust, auf denen sein Medaillon mit rotem Stein ruhte, waren wirklich als solche zu bezeichnen, wo hingegen Kafei’s Haare nur Flaum waren, den er ohnehin öfter als nötig entfernte. Auch hatte Dotour sogar eine annähernd schöne Haut wie sein Sohn.

 

   „Trainierst du?“, fragte Link.

   „Sieht man das?“, er öffnete den letzten Knopf. „Ja. Eigentlich immer schon, aber ich habe ziemlich nachgelassen. Seit dieser Sache mit den Schattenbiestern habe ich wieder angefangen, intensiver zu trainieren. Ich habe wieder auf zehn Runden aufgestockt, aber meine zwanzig von vor zehn Jahren werde ich vermutlich nie mehr erreichen, wenn ich mich nicht mehr zusammenreiße.“

   „Runden?“

   „Um die Stadt.“

   „Wann?“

   „Jeden Tag.“

   „Was?“, stutzte Link. „Wann machst du die bitte?“

   „Vor dem Frühstück. Es gab noch kaum einen Tag, den ich ausgelassen habe. Dazu kommen noch die dreißig Klimmzüge zur Auflockerung.“

   „Auflockerung. Sicher.“

 

   Er zog das Hemd ganz aus und Link fand seine Schilderung bewahrheitet. Allerdings sah er noch etwas, das er bei ihm nicht erwartet hätte, zu finden. Von den Schultern bis kurz vor den Handgelenken waren seine Arme ganz dezent mit ornamentalen Linien tätowiert. Die leicht verblassten rotbraunen und schwarzen Muster wirkten sehr ikanisch. Auch die berühmten Flammen entdeckte er. Dotour bemerkte Link’s Interesse, legte seine Haare über die linke Schulter und drehte ihm den Rücken zu, während er sein Hemd und das Wams faltete.

   Das Muster das sich über beide Schulterblätter verteilte, erkannte Link sofort als die Verzierungen vor dem Osttor von Unruhstadt. Die dort halbe Sonne war vollständig und auch der Rest des Ornaments war nach unten gespiegelt. Die Linien auf den Armen waren zwar nicht so kleinteilig und viel geschlossener, doch schien es, als würden sie aus dem Ornament entspringen. Die geschwungenen und sichelmondartigen Formen als auch Punkte setzten sich nach unten über den Rücken fort, symmetrisch zur Wirbelsäule. Knapp auf Hüfthöhe umspielten sie das Emblem von Ikana und verjüngten zur Mitte hin. Die unterste Spitze konnte Link nur sehen, da Dotour seine Hose geöffnet und auch die Unterhose gefährlich weit hinunter geschoben hatte. Er drehte den Kopf nach hinten und studierte Link’s Blick.

 

   „Na? Gefällt es dir?“

   „Sieht man das?“, schmunzelte Link. „Ein Relikt aus jungen Jahren?“

   „So in etwa. Aber ein recht gut erhaltenes Relikt.“

   „Und wie. Sieht auch verdammt gut aus. Warum versteckst du so etwas?“

   „Das fragst du?“

   „Na gut. Es ist groß. Viel. Ikana. Und reicht verboten tief.“

 

   Dotour schob die Hosen endgültig nach unten und stieg heraus. Link konnte auch unter den Hüften keine Mängel feststellen. Er hatte also bezüglich seines Trainings nicht gelogen. Jedoch war da etwas, das Link sofort auffiel.

 

   „Oh! Den kenn ich.“

   „Hätte mich gewundert, wenn nicht. Jetzt siehst du auch einmal das Original.“, er faltete die Hose, öffnete den Wäschekorb in der Ecke mit einer Handbewegung, warf die Unterhose im Blindflug hinein und ließ den Deckel wieder herabfallen.

   „Ja. Die Kopie kenne ich inzwischen in- u– “, kicherte Link und brach ab.

   „Du kannst es ruhig sagen. In- und auswendig.“, zwinkerte Dotour ihm zu und drehte sich zum Bett, wo er seine Sachen stapelte.

   „Diese indiskrete, unverschämte, privatsphärenmissachtende Gleichgültigkeit. Jetzt weiß ich, woher Kafei sie hat. Anju hat sie auch schon abgekupfert. Ein ansteckendes Lauffeuer. Verdammt. Er hat ja nicht nur deinen Hintern.“, hauchte Link matt und hob eine Augenbraue, was Dotour zum Grinsen brachte. „Und du sagst, er hätte nichts von dir.“

   „Ach der.“, winkte er ab und trug sein Gewand zu einem der beiden Kleiderschränke, wo er es ganz bewusst auf die linke Seite eines Brettes legte.

   „Wie bitte? Hast du eine Ahnung, wie gut die Kopie von dem da ist?“, raunte Link.

   „Aber über mich aufregen.“, gluckste Dotour leise und ging wieder zurück, um sich anzuziehen.

   „Ja, ja.“

 

   Er legte sich ins Bett und Link folgte ihm, nachdem er mehr zum anderen, dazugeschobenen Bett gerückt war. Als Link es sich an Dotour’s rechter Seite gemütlich gemacht hatte, deckte dieser sie zu. Dotour löschte das magische Licht und beide lauschten für einige Minuten dem sanften Knistern des Kaminfeuers, sich im spärlichen Licht tief in die Augen sehend. Dann legte Link seine rechte Hand auf Dotour’s Brust. Er spürte den sachten, gleichmäßigen Herzschlag, doppelt so schnell wie sein Atmen. Dotour schloss die Augen, als Link ihm eine einzelne Träne von der rechten Wange wischte. Dann griff er nach der Hand an seinem Herz und drückte sie fest an sich.

 

   „Du bist nicht allein.“, flüsterte Link. „Vergiss das nicht, hörst du?“

 

 

~o~0~O~0~o~

 

 

   Nachdenklich hielt er das schwarze Tuch in den Händen und starrte auf den Gegenstand darin. Grauschwarz, kalt wirkend, nur noch schwach erkennbar wo einst orange Linien gewesen waren. Er wagte es nicht, den Schattenkristall anzufassen. Midna hatte ihn ihm vor ihrem Abschied als Andenken mitgegeben. Bis zu Letzt hatte sie ihre Einstellung gegenüber Zanto’s `Geschenk´ beibehalten. Doch was nun? Was tat er nun mit diesem Souvenir aus dem Schattenreich? Insgeheim wusste er, dass Midna ihm dieses Ding nicht einfach nur zum Spaß überlassen hatte. Wollte sie vielleicht, dass er sich beliebig wieder in einen Wolf verwandeln konnte? Er konnte nicht leugnen, dass es gewisse Vorteile gehabt hatte. Aber wie würde er sich wieder zurückverwandeln? An sich schien es ihm logisch, dass er lediglich den Schattenkristall berühren müsste. Doch retour? Das hatte immer Midna gemacht. Würde er nicht ohne sie für immer ein Wolf bleiben? Oder zumindest, ohne die Hilfe eines Lichtgeistes? Er wusste ja nicht einmal, ob in Termina solche Lichtgeister existierten. Und die Großen Feen waren tot. Link hatte wirklich ein Entscheidungsproblem.

   Als er so über die einzelnen Regionen Terminas nachdachte, fiel ihm etwas auf, was er nie richtig beachtet hatte. In den Sümpfen gab es einen Wasserfall. Ein Deku hatte ihm erzählt, dass nach richtig starkem Regen der Dämmerwald-Krater überging und einen Wasserfall schuf. Damit waren es theoretisch schon zwei. Auch Ikana hatte zwei Wasserfälle, wenn die Quelle genug Wasser führte. Und in der Schädelbucht waren mehrere Wasserfälle. Auch im Bergdorf befand sich ein Wasserfall und die heißen Quellen.

   Termina hatte Quellen. Natürliche Quellen. War es also doch möglich, dass es in Termina Lichtgeister gab? Denn irgendetwas musste doch auch hier das Licht erhalten. Schließlich waren die Lichtgeister Hyrules sicher nicht erst seit dem Erdbeben vorhanden. Die Grotten waren da gewesen, gefüllt mit Heiligem Wasser. Durch das Erdbeben waren sie an die Oberfläche gekommen. Deshalb und nicht nur, weil sie sich unter normalen Umständen nicht zeigten, war er diesen Geistern zuvor nicht begegnet. Warum sollten sie sich, wenn es sie gab, nicht auch in Termina einfach nur versteckt haben? Plötzlich ging die Tür auf. Link versuchte den Kristall so schnell zu verstecken, dass er ihn beinahe fallen ließ.

 

   „Oh!“, kicherte Kafei. „Hab ich dich gestört?“

   „Ich – äh – nein.“

   „Und ob ich das hab.“, er seufzte kurz, schloss die Tür hinter sich, setzte sich zu Link aufs Bett und begann ihn zu küssen. „Du versuchst was vor mir zu verheimlichen.“, stoppte er nach gut einer Minute. „Was hast du da gerade vor mir versteckt? Ein Spielzeug?“, er griff hinter Link, packte das Stoffbündel und entfaltete es.

   „So was in der Art.“, schnaubte Link.

   „Njila khai – “, hauchte Kafei

   „Was?“

   „Fass das Ding bloß nicht an. Wenn es das ist, was ich denke, fass es bloß nicht ohne Tuch an.“

   „Was soll schon groß passieren, außer dass ich zum Wolf werde und wir nach Hyrule müssen, damit mich ein Lichtgeist wieder zurückverwandelt?“

   „Du weißt was das ist?“

   „Ja. Ein Schattenkristall. Um genau zu sein, der den mir Zanto eingepflanzt hat. Midna hat ihn mir in der Wüstenburg geschenkt. Sie konnte mich damit jederzeit hin und her verwandeln. Aber ich schätze, da nun alle Spiegel zerstört sind, hat er seine Macht verloren. Und selbst wenn – gibt es in Termina Lichtgeister?“

   „Ja. Was dachtest du, wer unser Licht erhält?“

   „Diese Überlegung hatte ich gerade. Aber wie haben sie es geschafft, sich gegen die Schattenbiester zu wehren?“

   „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es um ihre Macht sehr schlecht steht, seit die Großen Feen tot sind. Der in Ikana hat Romani ja nicht helfen können. Aber deine Fee war aus Hyrule. Ich vermute, deshalb konnte sie Romani heilen. Das Gleichgewicht, verstehst du? Selbst wenn er noch funktioniert, denke ich nicht, dass dich einer der Lichtgeister hier zurückverwandeln kann. Und warum Wolf? Meines Wissens nach werden alle Wesen unserer Welt zu Geistern, sobald sie mit dem Zwielicht oder einem der Schatten aus dieser Welt in Berührung kommen.“

   „Ich dachte, das hätte ich erwähnt? Farore’s Schutz.“

   „Oh – ja – da klingelt was.“

   „Eines verstehe ich nicht. Wieso lebt Zanto noch? Ich meine, als er Ganondorf getötet hat, dachte ich, es wäre vielleicht nur sein Geist gewesen. Und auch als er mit Midna dort gestanden hat. Du weißt schon. Als sie uns geholfen haben. Und Din hat doch auch von ihm gesprochen, oder?“

   „Wieso sein Geist?

   „Midna hat ihn vernichtet.“

   „Oh.“, Kafei’s Augen wurden groß. „Aber Din – wenn ich so darüber nachdenke, so wie sie ihn erwähnt hat, hätte er genauso Toter als auch Lebender sein können.“

   „Eigenartig.“

   „Ja. Sag mal – du hattest doch was vor damit, oder?“, fragte Kafei zögerlich.

   „Mit dem Schattenkristall?“

   „Ja.“

   „Keine Ahnung. Ich hab nur gerade überlegt, ob er noch funktioniert.“

   „Wie hat der Spiegel ausgesehen, als Midna ihn zerstört hat?“

   „Da – war nichts mehr davon übrig. Nur der Rahmen. Wieso?“

   „Ich hab nämlich gerade so eine dumpfe Vermutung, dass dieser Schattenkristall sehr wohl noch funktioniert.“

   „Du meinst, der Spiegel im Uhrturm – ?“

   „Ich hab Chaliém’s Tagebuch inzwischen ausgelesen und – “

   „Wessen Tagebuch?“

   „Der Maskenhändler.“

   „Ach so. Er hat mir nie seinen Namen gesagt, weißt du?“, entgegnete Link doch etwas spitzer als er wollte.

   „Warum überrascht mich das jetzt nicht? Egal. Jedenfalls hat er, als er Hylianisch geschrieben hat, den Spiegel nur erwähnt, als wüsste er nicht, was er war. Tatsache ist aber, dass er den Spiegel schon viel früher entdeckt hat. Da war er noch ganz. Offenbar kannte er sich damit aus. Er wusste, dass dieser Spiegel schwach war. Aber er wusste auch, wo die anderen beiden Spiegel stehen.“

   „Die anderen beiden Spiegel? Es gibt noch einen dritten?“

   „Ja. Das hab ich dir doch gesagt.“

   „Wo?“

   „Das hat er leider nicht erwähnt. Aber er wusste, dass der Spiegel im Uhrturm nicht zu unterschätzen war. Mehrere Seiten lang hat er nur darüber spekuliert. Und das soll was heißen. Du weißt ja, wie dick das Buch ist. Den ersten Eintrag hat er mit fünf Jahren gemacht. Die nächsten erst zehn Jahre später. Aber danach hat er einfach alles hineingeschrieben, was er auf seinen Reisen entdeckt hat – und auch sonst eine Menge Dinge, die man nicht einfach mal beim Wasserholen in Ikana mitbekommt. Er hat zwar nie geschrieben, woher er was wusste, aber diese Dinge kann er nur von Hohepriestern erfahren haben. Und ich bin mir sicher, dass er sie nicht bestochen hat, wie Urol es gemacht hat. Ich rede hier von der Enthüllung der größten Geheimnisse aller Zeiten. Ich hab richtig Angst, dass die falschen Leute erfahren könnten, was in Chaliém’s Tagebuch steht. Jedenfalls – ich bezweifle stark, dass es die Uhr war, die den Spiegel zerstört hat. Diese Spiegel zerbrechen nicht durch Erschütterungen.“

   „Du meinst – Moment – “

   „Ich hab den Spiegel gesehen. Es waren keine Scherben mehr da. Aber das hier.“, er holte ein silbernes Medaillon aus seinem eigenen hervor. „Und rate, was da drin ist und wer es um hatte.“

   „Langsam, langsam! Du denkst, er hat den Spiegel zerstört?“

   „In der Hoffnung, die Invasion aufzuhalten. Und die Scherben hat er versteckt, damit sie nicht in falsche Hände fallen. Was wetten wir, dass Midna das letzte halbe Jahr damit verbracht hat, darüber zu rätseln, warum einer ihrer Soldaten ihr, wie ich vermute, berichtet hat, dass der Spiegel vollkommen zerstört ist?“

   „Und deshalb konnte sie uns auch helfen!“

   „Genau. Aber wenn die Scherben noch existieren – na gut. Ich denke nicht, dass wir mit einem erneuten Angriff zu rechnen haben. Die beiden scheinen sich ja sehr schnell wieder vertragen zu haben.“

   „Schon. Aber die Verbindung besteht noch. Vielleicht können wir den Spiegel zusammensetzen und – “

   „Spinnst du?“

   „Nein. Als ich das Zwielicht durch das Portal betreten hab, hab ich mich nicht verwandelt. Und selbst wenn – wenn ich den Schattenkristall mitnehme, kann mich Midna ja zurückverwandeln. Oder sogar ohne ihn.“

   „Und? Was dann? Dann gehst du da rein und bist irgendwo.“

   „Wieso?“

   „Bist du wirklich so naiv und denkst, du würdest mit einem anderen Portal an den selben Ort gelangen?“

   „Na und? Dann muss ich sie eben suchen. Die Twili werden mir helfen. Und vielleicht findet Midna mich so und so, weil sie spürt, dass sich ein Portal geöffnet hat.“

   „Ich weiß nicht. Das scheint mir keine so gute Idee zu sein.“

   „Was soll schon schief gehen?“

   „Da kann einiges schief gehen.“

   „Und was ist dann deiner Meinung nach eine gute Idee?“

   „Dass wir uns zuerst über vieles vergewissern.“

   „Na schön. Du hast mich überzeugt.“, enttäuscht ließ er den Kristall samt Tuch in seinem Medaillon verschwinden. „Und? Was machen wir jetzt?“

   „Ich fühle mich unausgeglichen.“

   „Inwiefern? Ich dachte, ihr hattet letzte Nacht – oder hab ich euch umsonst alleine gelassen?“

   „Nein.“

   „Aber?“

   „Aber?“

   „Kafei?“

   „Ja?“

   „Bist du süchtig?“

   „Würde ich es zugeben?“

   „Ja.“

   „Nein. Hast du keine Entzugserscheinungen?“

   „Mir ist egal, was du mit mir machst, solange du dabei glücklich bist. Und wenn du mich ignorierst.“

   „Bist du betrunken?“

   „Nein. Wie kommst du darauf?“, raunte Link.

   „Du – willst dich in einen Wolf verwandeln, ins Zwielicht gehen um Midna zu suchen – und jetzt sagst du auch noch so was.“

   „Ich liebe dich. Das ist alles. Und mir ist langweilig.“

   „Wo hast du eigentlich letzte Nacht geschlafen?“

   „Bei Dotour.“

   „Was?“, gluckste Kafei. „Aber nicht – hoffentlich nicht in der Mitte?“

   „Nein. Ich hab sowieso keine Ahnung, wann Esra gekommen ist. Ich hab ziemlich gut geschlafen.“

   „Ja. Mit ihm kann man gut und wirksam kuscheln.“, überlegte Kafei und Link fixierte ihn mit großen Augen. „Was? Ist doch so. Schön, dass du es gemerkt hast. Er hat es dringend nötig.“

   „Vermutlich. Er trauert noch immer um deine Mutter.“

   „Das tue ich auch. Aber er steigert sich so hinein, dass es ihn zerfrisst.“, Kafei senkte traurig den Blick.

   „Er kann einen Spagat.“, gluckste Link. „Ich hätte nicht gedacht, dass er so gelenkig ist. Auch nicht, wie viel er täglich trainiert.“

   „Ja. Er ist irgendwie zu bewundern. Und dennoch würde ich manchmal gerne seinen Pessimismus aus ihm herausprügeln. Aber das bin ich nicht. Und es würde auch nicht funktionieren.“

   „Kannst du auch einen Spagat?“, fragte Link rein aus Neugier. „Ich meine, höchstwahrscheinlich schon, oder? Aber ich würde es gerne sehen.“

   „Du willst doch nur wissen, wie flexibel ich im Bett sein kann.“, kicherte Kafei verhalten und kassierte einen Klaps auf den Hinterkopf. „Schon gut.“

 

   Er stand auf und ließ sich ohne Dehnungsübungen einfach nach unten sinken, das rechte Bein nach vor.

 

   „Verdammt!“, staunte Link.

   „Zufrieden?“

   „Kannst du das auch seitlich?“

 

   Kafei stemmte sich ganz leicht mit den Armen hoch und drehte die Beine wie einen Propeller weiter, gespielte Gleichgültigkeit im Gesicht. Innerlich platzte er jedoch fast vor Genugtuung bei Link’s Gesichtsausdruck. Er stemmte sich erneut hoch. Nun war das linke Bein vorne und das rechte hinten.

 

   „Ich muss echt an mir arbeiten.“, seufzte Link.

 

   Daraufhin warf Kafei die Arme über den Kopf und beugte sich so eng nach hinten, dass Link fast das Herz in die Hose rutschte. Er stemmte sich in die Höhe und zog das rechte Bein unter sich nach vor, während er das linke Bein über sich nach hinten fallen ließ. Kaum berührte es den Boden, zog er den Rest des Körpers nach und stand wieder aufrecht, als wäre nie etwas gewesen – ohne sich in seinen hüftlangen Haaren zu verknoten. Schmunzelnd ging er wieder zu Link und schloss dessen Mund mit einem sanften Kuss.

 

   „Und? Was hat er dir noch gezeigt?“

   „Seinen Rücken.“

   „Was hat dich mehr überrascht?“

   „Letzte Nacht hat mich so viel überrascht, dass ich gar nicht weiß, was mich mehr verblüfft hat. Er hat mir Photos gezeigt. Ein Querschnitt durch dein bisheriges Leben.“

   „Das hat er dir gezeigt? Dann bedeutest du ihm enorm viel.“

   „Scheint so. Er bedeutet mir auch sehr viel.“

   „Dieses Buch ist sein kleiner, privater Schatz. Esra weiß nichts davon. Bitte sag ihm nicht, dass ich dir das gesagt habe.“

   „Werde ich nicht. Mir war gleich klar, warum er es ganz unten und unter einem weiteren Buch aufbewahrt. Es sind sehr private Momente drin.“

   „Ja. Anderes Thema?“

   „In Ordnung.“

   „Ich wüsste etwas gegen deine Langeweile.“

   „Ja?“, das nächste was Link mitbekam war, dass ihm Kafei eines der Kopfkissen ins Gesicht knallte. „He! Was soll das?“

   „Kissenschlacht!“

   „Na warte!“

 

 

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